Istanbul bis Osmancik 11. – 21.02.2009
Wie immer, wenn wir nach längerer Zeit wieder losfahren, singen wir „On the road again. Goin' places that I've never been…“. Kaum haben wir Istanbul hinter uns gelassen, werden wir auch schon vom Straßenrand aus zum Tee eingeladen, und Polizisten fragen uns, ob wir verrückt sind, weil wir auf die komische Idee kommen, von Deutschland in die Türkei mit dem Rad zu fahren.
Bis Izmit fahren wir weiterhin in Istanbuler Vororten, so kommt es uns jedenfalls vor, eine 100.000er Stadt reiht sich an die andere, und nicht alle sind in unserer Landkarte verzeichnet. Wir freuen uns, als wir am zweiten Tag nach Istanbul nach einer gefühlten Ewigkeit wieder unser Zelt aufstellen können. Wir sind gut voran gekommen, haben Lust auf weniger Besiedelung und entscheiden uns so für einen „Umweg“ auf einer kleineren Nebenstraße (der fängt hier an).
Nette Polizisten, nette Polizisten mit Dame, Regenbogen
Wir radeln durch ein schönes Tal - und machen nebenbei und unbeabsichtigt mehr Höhenmeter als auf der Alternativstrecke. Das Wetter lässt uns mal wieder völlig im Stich, es regnet mehr oder weniger durchgehend. Eines nachmittags halten wir auf der Suche nach einem wärmenden Cay an einem Lokal an, so denken wir. Seltsam kommt uns schon vor, dass hier alles voller Frauen ist, denn zumeist war ich in den letzten Wochen die einzige. „Auch mal ganz schön!“ zeigt sich Tobi zufrieden. Wir bekommen noch Essen, obwohl wir gerade erst zu Mittag gegessen haben, und erfahren erst am Ende, dass das ganze kein Restaurant ist, sondern die Frauen dort in der Nahrungsmittelproduktion arbeiten - und wir natürlich nichts bezahlen sollen.
Das türkische Essen überhaupt ist ein Kapitel für sich. Von allen bisher besuchten Ländern würde ich die Küche hier (neben der italienischen) als abwechslungsreichste und leckerste beschreiben - nein, Döner meine ich damit nicht. Wir essen Lahmacun („türkische Pizza“), Pide, Bohnen, Fleischgerichte (Huhn, Lamm, Rind, Hackfleisch in verschiedenen Formen), Joghurt, Brot, Reis, Salate… Dazu, gerade bei den immer noch nicht kuscheligen Temperaturen knapp über null Grad Unmengen von Tee. Die Preise sind zumeist günstig, differieren aber deutlich je nach Gaststätte: die riesigen, modernen und leeren Raststätten sind wesentlich teurer als kleine Lokale, vor allen Dingen wenn vor letzteren viele Lkw stehen.
Schnee, Schnee, Schnee!
Bergauf und bergab fahren wir weiter gen Osten, alle paar Meter hupt ein Lkw (und manchmal winkt der Fahrer mit der linken Hand, während die rechte sein Handy hält).
Zwischenzeitlich treffen wir auf ein Problem, mit dem wir so gar nicht gerechnet haben. Wir sind in Bolu angekommen und entscheiden uns für ein sehr günstiges Hotelzimmer. Wir haben uns hingelegt und versuchen zu schlafen, bis Tobi den Feind anhand seines aggressiven Summens identifiziert. Licht an, in Augenschein genommen: alles voller fieser Blutsauger - wo kommen die denn her bei Temperaturen um den Gefrierpunkt? Egal, das Tötungskommando wird gestartet. Fiese Flecken hinterlassen vor allem die Tiere, die uns bereits angezapft haben. Während ich apathisch und verschlafen im Bett liege und Anweisungen gebe im Stil von „Da hinten ist noch eine - ach ne, schon wieder weg!“, entwickelt der sonst tierliebe Tobi einen echten Blutrausch. Als nur noch ein oder zwei Mücken übrig sind, legt er sich wieder hin, um eine halbe Stunde später mit einem „ich kann so nicht schlafen!“ aufzuspringen, das Licht anzuschalten - und sich wieder mehreren Dutzend Feinden gegenüber zu sehen. So kommt es, dass wir zwar im Hotel übernachten, aber gleichzeitig im Innenzelt zelten - da wäre es im Freien doch schöner gewesen. Am nächsten Morgen entdecken wir, dass der Innenhof, zu dem unser Zimmer führt, überdacht ist und wahrscheinlich ein super Moskito-Klima bietet.
Nach viel Regen landen wir in Gerede auf 1300 Metern wieder im Winter und damit Schnee - Mist, darauf hatten wir ja eigentlich gar keine Lust mehr. Als am nächsten Morgen die Sonne wieder scheint, sind wir versöhnt, und da wir an den nächsten Tagen kontinuierlich an Höhe verlieren, kommt kein Winter-Blues auf. Ich möchte mich auch gar nicht beschweren, wir sind eben einfach zu Beginn des Winters losgefahren und können/müssen ihn voll auskosten - ich habe nur einfach meine eigene Wetterfühligkeit unterschätzt und sehne mich inzwischen sehr nach Sonne und wärmeren Temperaturen.
Tobis Vorderradgepäckträger ist wohl eher gewichtsfühlig, und so hat eine Schraube beschlossen zu brechen und im Gewinde steckenzubleiben. Eine Autowerkstatt hilft uns bei diesem Problem, natürlich unter reger Beteiligung aller Männer und Jungs, die sich im Umfeld aufhalten. Das war nett, auch wenn ich wünschte, ein paar mehr Wörter Türkisch zu können als meinen bisherigen Wortschatz von ca. 100 Wörtern (Zahlen, Wochentage, Essen…).
Und nochmal alle zusammen, Hochebene, Lonesome Cowboy/-girl
Das ist oft schade, denn wir werden mehrmals zum Tee eingeladen, bekommen einmal von Polizisten Trinkpäckchen zugesteckt und von einem jungen Paar geröstete Kichererbsen. Alle sind so nett zu uns, obwohl wir nach zwei Nächten auf extrem lehmigen Boden nicht mehr gerade ansehnlich sind, von unseren Rädern ganz zu schweigen.
In Osmancik entscheiden wir uns nach Regen am Morgen spontan für einen Ruhetag, bis wir die letzten drei Tagesetappen nach Samsun ans Schwarze Meer in Angriff nehmen wollen. Und obwohl wir wirklich immer vorsichtig sind, liebe Mamas, werden wir Opfer einer „Entführung“: Ugur, Schuldirektor einer technischen Oberschule, spricht uns an, nimmt uns unter seine Fittiche, lädt uns ins Fehnerbace-Vereinsheim zum Tee ein, besucht mit uns erst eine Kooperationsfirma seiner Schule (zweiter Tee), dann eine zweite (Mittagessen und dritter Tee) und versucht telefonisch seine Englischlehrerin zu kontaktieren, damit diese sich um uns kümmern kann (hat leider keine Zeit). Wir freuen uns und sind gleichzeitig etwas hilflos, weil wir keine richtig gute gemeinsame Sprache haben und nicht wissen, wie lange unsere Betreuung noch dauert und wie wir sie beenden können, wenn wir wollen, ohne unhöflich zu sein.
Noch immer allein?, Dreck, Hm - leckeres Geschenk
Schade, dass die Türken, die wir als bisher gastfreundlichste Menschen auf unserer Reise erleben, in Deutschland ein so negatives Image haben, und, ja, wir schämen uns, wenn wir daran denken, wie viele Wahlkämpfe bereits auf ihrem Rücken geführt wurden und mit Blick auf die Europawahl gerade entwickelt werden - nicht nur von sogenannten rechtsextremen Parteien. Nein, wir wollen kein politisches Forum aufmachen, und ja, wir kennen die Themen, um die es angeblich geht - aber etwas mehr Respekt würden wir uns wünschen. Damit wir uns nicht schämen müssen, Deutsche zu sein.