Bilder und Geschichten

Am 13. Juni 2010
sind wir nach 577 Tagen,
21.297 Kilometern und
36 besuchten Ländern
nach Deutschland zurückgekehrt.

Regelmäßig erzählen wir von unserer großen Reise. Termine findet Ihr hier.
 
Nach 577 Tagen, 21.297 km und 36 besuchten Ländern sind wir seit 13.06. wieder zurück in der Heimat. Weitere Infos folgen bald!
 

Kilometerzähler

Gesamtbilanz

  21.297  Kilometer
133.164  Höhenmeter

Letzte Position
N 50°29.507'  E 007°53.618' 
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Unterwegs mit Jungs PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Daniela   
Osmancik bis Trabzon
22.02. - 04.03.2009

„Turkish Police very fast!“
(Türkischer Polizist am Steuer, nachdem er eine ältere Dame von der Straße gehupt hat und bevor er eine rote Ampel überfährt)

Jungs? Genau: Mehrzahl! An die überwiegende Anwesenheit von Männern in meinem Leben habe ich mich ja schon längst gewöhnt: je weiter wir südlich und östlich reisen, desto mehr, so kommt mir vor, ist die Öffentlichkeit die Sphäre der Männer. Fast überall sind sie in der Überzahl: in Geschäften, in Restaurants, in Cafés - selbst in den Bereichen, in denen man in Deutschland hauptsächlich Frauen sieht, wie als Angestellte in Einzelhandel und Gastronomie oder in der Wäscherei, in der wir gerade unsere Kleider abgegeben haben: Männer!


Ein langer Weg, Fleisch und Fahrrad, unsere Gastfamilie

Bisher bin ich immer respektvoll und freundlich behandelt worden und habe darum keinen Grund zur Klage, auch wenn ich manchmal den Kontakt mit Frauen vermisse. In den vergangenen Wochen standen die Zeichen allerdings eher auf eine Erhöhung des Männeranteils in meinem Leben.

Aber langsam: um von Osmancik zur Schwarzmeerküste zu kommen, mussten wir erst noch drei Pässe in Angriff nehmen (hier und hier). Wir kommen aber recht gut voran und bekommen zwischendurch von einem Autofahrer einen türkischen Straßenatlas geschenkt. Nett! In Samsun, wieder am Meer angelangt, sind wir dann zu Gast bei Önder und seiner Familie, die wir über ein Reiseradler-Übernachtungsnetzwerk kontaktiert haben. Alle sind unglaublich gastfreundlich. Önder ist Apotheker (mit Doping kennt er sich allerdings nicht gut aus, schade) und Radfahrer - ohne ihn wären wir wohl auch nie auf die Idee gekommen, beim Metzger nach Fahrrad-Ersatzteilen zu fragen. Auf unsere Frage, wo wir einen neuen Tacho herbekommen (da ich meinen verloren habe) sagt Önder: „Klar, beim Metzger! Der sammelt Ersatzteile.“ Ein Telefonat, ein kleiner Spaziergang, und schon erhalten wir nach einer Runde Tee und Gesprächen über das Radlerleben zwischen Hackfleisch und Hähnchenschenkeln einen neuen Kilometerzähler. Wir lernen nicht nur ihn kennen, sondern noch einige Fahrrad-Freaks, die sich allesamt mit Komponenten besser auskennen als wir.


Okey - Profis und ambitionierte Amateure

Nach zwei Tagen in Samsun machen wir uns wieder auf. In der Zwischenzeit hat sich leider herausgestellt, dass wir unser iranisches Visum erst in voraussichtlich zwei Wochen in Trabzon erhalten werden, also eine Woche dort warten müssen. Das ärgert uns umso mehr, als wir extra eine Visa-Agentur eingeschaltet haben, um Probleme und Verzögerungen zu vermeiden (und nicht in Istanbul bleiben zu müssen), und dafür (zusätzlich zu den Visa-Gebühren von 60 Euro) 34 Euro bezahlt haben (jeweils pro Person, versteht sich). Unsere Überweisung über moneybookers.com hatte sich verzögert, da ich zunächst die falsche Überweisungsart gewählt hatte und wir von unterwegs natürlich auch nicht täglich das Internet benutzen konnten, um den Fehler zu klären. Als Önder von unserem Problem hört, setzt er sich einen ganzen Vormittag ans Telefon, um eine Unterkunftsmöglichkeit für uns in Trabzon zu finden und uns schließlich die Telefonnummer des Verwandten eines Radlerkollegen in die Hand zu drücken. Wie nett!


Französische Radler

Kaum haben wir Samsun verlassen, sehen wir am Straßenrand zwei Jungs mit vollgepackten Rädern - Reiseradler, die ersten, denen wir auf der Straße begegnen! Insgesamt sind sie zu viert von Frankreich unterwegs und möchten in den nächsten zwei Jahren die Welt umradeln. Im Laufe des Jahres werden noch drei weitere Freunde zu ihnen stoßen. Sie sind nur zehn Tage später als wir gestartet und bis auf wenige Ausnahmen die selbe Route gefahren, von Istanbul aus direkt die Schwarzmeerküste entlang und wollen nun wie wir nach Trabzon, um sich ihr iranisches Visum abzuholen. Anders als wir werden sie über das ostanatolische Hochland radeln, wo es gerade heftig schneit. Tobi und ich sind froh, nach Georgien weiterzufahren, dem Frühling entgegen, wie wir hoffen.


Reparaturarbeiten, das Peloton, am Lagerfeuer

Letztendlich verbringen wir eine ganze Woche gemeinsam und haben viel Spaß. Wir haben in etwa das gleiche Reisetempo und natürlich gibt es viel zu erzählen, zu Routen, Erlebnissen und Plänen. Ganz wie es den Klischee entspricht, sind wir ordentlichen Deutschen ein bisschen organisierter und für alle Eventualitäten gerüstet, während Matthieu, Mathieu, Nicolas und David eher mit leichtem Gepäck reisen und mehr improvisieren. Wir verbringen viel Zeit in den Cay Evi (Teehäusern) und spielen Okey (ähnlich Rummykub) und Backgammon zur Freude der einheimischen Männer. Sie, die diese Spiele anscheinend schon mit der Muttermilch (oder dem ersten Tee?) aufgesogen haben, schaffen es zumeist nicht, die Touristen einfach legen zu lassen, kräftige Unterstützung ist garantiert. Und die einzige Frau am Tisch lässt man auch gerne mal gewinnen (das habe ich schon als Kind gehasst).


Tee über alles!

Abends ergibt es sich teilweise, dass wir auch in Teehäusern übernachten können, was weitere abendliche Spielrunden zufolge hat, dazu Gespräche in einem türkisch-englisch-französisch-deutschen Sprachgemisch. Wir treffen viele Menschen, die deutsch sprechen oder zumindest einen Cousin/Bruder/Vater in Deutschland haben/hatten. Alle sind unglaublich freundlich zu uns, und es ist eine Freude, so unterwegs zu sein.


Backgammon am Abend, Ankunft in Trabzon

Das Wetter spielt noch nicht ganz mit, aber der Frühling muss ja nun bald kommen, wo es doch schon März ist. Wir glauben ganz fest daran, umso mehr, als uns in Trabzon ein großer Stein vom Herzen gefallen ist. Nach wochenlangen Diskussionen um das iranische Visum, nach Kopftuch-Passfotos und Fehlüberweisungen, erhalten wir das Visum innerhalb eines Tages. Wir kommen uns vor wie an Weihnachten, als der nette Konsularbeamte mit zwei deutschen Pässen inklusive Visaaufklebern hereinkommt, kaum das wir die Gebühr überwiesen haben.


Die Polizei - dein Freund und Helfer, Trabzon, Basar

Wie es dazu gekommen ist? Als wir nachmittags in Trabzon ankommen, möchten die französischen Jungs zum Konsulat, um ihr bereits fertiges Visum abzuholen. Nur wird das Konsulat gerade renoviert, und so fährt eben die Polizei, dein Freund und Helfer, Matthieu und Tobi hin. Trotz später Nachmittagsstunde werden sie freundlich empfangen, informiert, und obwohl unser eigentlich nötiger Code noch fehlt, wird Tobi in Aussicht gestellt, dass auch wir unser Visum schnell erhalten können. Also ziehe ich am nächsten Tag mein Kopftuch an, die Eheringe werden übergestreift und am Ende müssen wir mehrmals in unsere Pässe schauen, um es glauben zu können - Iran, wir kommen, und freuen uns sehr.

Erst einmal werden wir noch zwei Tage in Trabzon bleiben - wieder haben wir einen sehr netten Gastgeber: Güray ist ein richtiger Rocker, Filmfan und studiert Ingenieurwesen. Wir haben nette Abende zusammen, und da wir mit Filem ein gemeinsames Thema haben, ist die Kommunikation auch über Sprachgrenzen nicht so schwierig - die Nennung einiger Namen reicht unter Umständen, in diesem Fall sind‘s Regisseure und Schauspieler, die wir alle mögen. Sehr oft in den letzten Wochen waren es Fußballer, selbstverständlich.

Bald wird unsere Zeit in der Türkei zu Ende gehen, und wir sehen es mit einem lachenden und einem weinenden Auge… wir werden eben versuchen, noch einmal soviel Tee wie möglich zu trinken.

 
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