Batumi bis Tbilisi 13. - 23.03.2009
Gleich zu Beginn: das Versprechen unseres letzten Artikels, „Zum letzten Mal am Meer“, können wir so nicht einhalten. Immerhin noch mit diesem Gedanken sind wir aber von Batumi aufgebrochen und folgen einem schönen Tal in Richtung Akhaltsikhe, vor uns ein 2000 Meter hoher Pass. Zunächst geht es aber nur gemächlich hinauf, und wir genießen es, endlich einmal abseits der Hauptverkehrsstraßen unterwegs zu sein, dazu haben wir noch fantastisches, frühlingshaftes Wetter.
Sonnenuntergang am Meer, Batumi - alt und neu, Frühlingsgefühle
Am Nachmittag sagt uns zum ersten Mal jemand, dass unser Pass geschlossen sei. Allerdings ist dieser Jemand deutlich alkoholisiert und erzählt uns im selben Atemzug, dass er für George W.. Bush im Irak gekämpft habe. Einem besoffenen Söldner Glauben schenken? Zumindest nicht so ohne Weiteres, wir fragen bei einer mit unseren Augen vertrauenswürdiger wirkenden Person nach, die uns versichert, wir könnten unserer geplanten Route weiter folgen.
Am nächsten Morgen fühlt sich Tobi nach der Nacht im Zelt nicht gut, irgendwie scheint er das georgische Bier wohl nicht zu vertragen, auch wenn es nur eine Flasche ist. Nicht lange nach unserem Aufbruch hält ein Auto neben uns an. Ob wir zum Pass wollen? Ob wir denn nicht wüssten, dass er geschlossen sei wegen Schnee? Betreten schauen wir uns an: Mist. Um sicherzugehen, halten wir einen Lieferwagen an und fragen auch dessen Fahrer, der für uns einen Bekannten anruft und uns glaubhaft versichert: Ja, der Pass ist zu.
Der Mann und die Kirche, Kühe - allgegennwärtig am Straßenrand und auf der Straße, Kätzchen
Also bleibt uns nichts anderes übrig, als zurück nach Batumi zu fahren und die „einfache“ Route nach Tbilisi, also Tiflis, zu nehmen die verkehrsreiche M1. Tobi fühlt sich nebenbei immer mieser und fiebrig, sodass wir in einem Dorf die Rückfahrt ans Schwarze Meer mit einem Kleinbus organisieren. Irgendwie gehen dort doch trotz enger Sitzreihen und einiger weiterer Fahrgäste immer noch zwei Fahrräder hinein. Zurück in Batumi suchen wir uns ein Zimmer und stellen fest, dass Tobi 39 Grad Fieber hat. Die nächsten zwei Tage vergehen so für Tobi im und für mich am Bett.
"Historic bridge", Tier & Technik, Zum Glück mit Übersetzung
Die Etappe nach Tblisi nehmen wir konzentriert in Angriff, denn es ist schon Montag und am Wochenende möchten wir dort sein, um Tobis Freund Gerald zu treffen. Die Straße ist, wie von uns vermutet, wirklich nicht sehr spannen. Nach einigen Kilometern an der Küste biegen wir ins Landesinnere ein und haben aufgrund der dichten Besiedelung an der Straße entlang Probleme, einen Zeltplatz zu finden. Wir sind froh, als wir nach drei Tagen den gut 900 Meter hoch gelegenen Tunnel erreicht haben. Es ist schon recht spät und wir sind nach einem Tag voll Gegenwind recht k.o., und so fragen wir die Kassierer der Tunnel-Maut, ob wir das Zelt direkt an ihrem Häuschen aufstellen können. Natürlich dürfen wir das, und so schlafen wir bewacht von Polizisten mit Maschinengewehren, dem Geräusch quietschender Bremsen und hupender Lkw in den Ohren ein.
Seilbahn in Kutaisi, Frühlingsgrün, Berge
Morgens begehen wir zunächst einen taktischen Fehler, als wir einen Hund, der dem Duft nach Wurst in unser Zelt folgt, ein Stückchen zuwerfen. Daraufhin gerät er förmlich in Ekstase und ruht so lange nicht, bis wir ihm unser restliches Brot verfüttert haben und er Dutzende Male durch unser Zelt getobt ist. Die Jungs von der Mautstelle stehen nur da und lächeln verschämt. Jaja, die dummen Touristen - und sie haben damit ja so recht!
Als wir unsere hundepfotenabdruckverzierten Isomatten einrollen und aufbrechen, sind wir der Meinung, dass es ja nun, nach dem Pass, bergab gehen muss und wir darum einen entspannten Tag vor uns (und uns verdient) haben, doch weit gefehlt: bei heftigen Gegenwind quälen wir uns auf leicht abfallender und ebener Strecke bei 10-15 km/h dahin. Am nächsten Tag dann, immerhin, hat der Wind gedreht und schiebt uns förmlich nach Tblisi.
Dazwischen passieren wir Josef Stalins Geburtsstadt Gori und fahren an einer riesigen Siedlung von Einfachsthäusern vorbei. Später erfahren wir, dass sie für Flüchtlinge aus Süd-Ossetien gebaut wurden, und Süd-Ossetien grenzt an einer Stelle direkt an die M1, die Hauptverbindungsstrecke, auf der wir uns auch bewegen. Unsicher fühlen wir uns in Georgien nicht, aber die große Präsenz von Polizei und insbesondere Militär ist sehr deutlich.
Braun spielt heute gegen Weiß, Hundewurstbrot oder Wurstbrothund?, Idyllischer Schlafplatz
Am Stadtrand von Tbilisi suchen wir eine Lkw-Werkstatt auf, denn inzwischen haben wir mal wieder ein Fahrrad-Problem. Tobis Vorderradgepäckträger ist gebrochen, und so fahre ich seit zwei Tagen mit seinen schwereren Vordertaschen und er hat meine leichteren an seinem defekten Träger befestigt. Tobi hat keine tubus-Stahlrohrgepäckträger wie ich, weshalb sie sich leider als „unschweißbar“ erweisen. So können uns auch die netten Männer aus der Werkstatt nicht helfen, obwohl sie mit dem Gepäckträger extra zu besser ausgestatteten Kollegen fahren. In der Zwischenzeit sitzen wir im Hinterzimmer und informieren uns bei Tee und Gebäck zu Mercedes-Nutzfahrzeugen. Ein dolles Ding, der neue Actros, muss ich sagen, und erst die „Trust Edition“, der Traum eines jeden Truckers. Letztlich schweißen die Handwerker - „natürlich“ wie alles andere unentgeltlich - um den Bruch eine Hülle aus Stahl, sodass der Gepäckträger erst einmal hält, um einen Ersatz und dessen Versand müssen wir uns in nächster Zeit kümmern.
Reparatur, Endlich in Tbilisi, Tbilisi von oben
Das Wochenende in Tblisi vergeht mit viel Essen, Trinken, Spaziergängen, interessanten Gesprächen und netten Menschen. Wir können bei Geralds Freund Frederik wohnen, der für die Europäische Kommission hier ist und lernen so viele „Expats“ (wikipedia definiert:, „jemand, der vorübergehend oder dauerhaft (…) in einem anderen Land als dem seiner Abstammung lebt“) kennen und damit auch eine für uns bisher unbekannte bunte Szene aus Mitarbeitern verschiedener NGOs, der Europäischen Kommission, der European Monitoring Mission (EUMM, überwachen die Situation in den Krisengebieten) oder Firmen. Als „nur“ temporär Reisende kommen wir uns plötzlich richtig sesshaft vor.
Mtskheta, Georgische Schlemmereien
Gemeinsam mit unserem Gastgeber machen wir einen ausführlichen Stadtrundgang und besuchen zusammen mit Gerald und Ia („Shortest georgian name!“) Mtskheta, das spirituelle Zentrum des Landes und vom dritten bis zum fünften Jahrhundert die Hauptstadt des Landes. Definitiv haben wir über Geschichte und Gegenwart viel mehr gelernt als „normale Touristen“, denn als solche wären wir nie in Kontakt mit jemandem gekommen, der gerade ein Buch über den Kaukasus veröffentlicht. Danke dafür, für die großartige Gastfreundschaft, Ia für ihre Fahrkünste und Gerald für den Kontakt!
Nach all dem Essen, Trinken und für uns recht luxuriösem Leben wird es wieder Zeit, aufzubrechen in Richtung Aserbaidschan, obwohl uns Georgien ja doch ans Herz gewachsen ist.