Sheki bis Lenkoran 28.03. - 05.04.2009 Nun sind wir nur noch voraussichtlich einen Tag in Aserbaidschan, haben viel erlebt, doch der erhoffte Kontakt zu Berti (für Nicht-Fußball-Experten: den derzeitigen Nationaltrainer) ist immer noch nicht zustande gekommen - aber die „normalen“ Aserbaidschaner an sich sind ja eigentlich auch ganz nett.
Nach den enthusiastischen, „verrückten“ Türken kamen uns die Georgier ja etwas zurückhaltender vor, zumindest was das Verhalten direkt auf der Straße betraf. Außerdem sahen wir dort viel mehr Frauen in der Öffentlichkeit, auch wenn die Rollenteilung in den Familien, die wir kennen lernten, traditionell war.
Karawanserei in Sheki, Heydar Aliyev, Lastenlada
In Aserbaidschan nun treffen wir fast ausschließlich Männer auf der Straße, und in Sachen Offenheit stehen sie ihren türkischen „Kollegen“ in nichts nach. Teilweise verursachen wir halbe Menschen-, nein, Männeraufläufe, wenn wir in kleinen Orten einkaufen. Dann teilen wir uns die beiden Jobs „Einkaufen“ und „Gespräche“ auf. Tobi kann inzwischen auf Russisch die beiden beliebtesten Fragen beantworten: Woher und Wohin. Die werden uns auch gerne aus Autos heraus gestellt/gerufen, manchmal fahren Fahrzeuge langsam neben uns her, um eine solche Unterhaltung zu bestreiten. Und wir werden fotografiert, hektisch kramen Menschen, nein, Männer, ihre Fotohandys heraus, wenn wir uns nähern. Leider fragen wir uns häufig, ob die uns genannten Preise auch denen entsprechen, die die Einheimischen bezahlen, manchmal sind wir uns sicher, dass dem nicht so ist. Als wir an einer Tankstelle unsere Benzinflasche für den Kocher „betanken“, sollen wir umgerechnet einen Euro bezahlen, obwohl der Literpreis nur bei 60 Cent liegt - wie bei Tankstellen üblich, steht dies auch riesig angeschrieben. Wir sind beide keine Händler und in diesen Dingen (zu) gutmütig, aber das ist uns dann doch zu doof und wir beginnen, das Handeln zu lernen.
Auflauf, mal wieder Heydar, Waschsalon
Während das Bezahlen meine Baustelle ist, regt sich Tobi über Auto- und Brummifahrer auf, die rücksichtslos überholen. Die, deren Fahrbahn eigentlich die gegenüberliegende ist, versuchen uns von der Straße auf den (unbefestigten) Seitenstreifen abzudrängen und kommen uns dabei oft gefährlich nahe. Das Recht des Stärkeren eben, wir als Radfahrer stehen auf der Skala ganz unten.
Landschaftlich zeigt sich Aserbaidschan wenig aufregend, im Zentrum des Landes erstreckt sich eine große, flache, auf die Dauer langweilige Steppenlandschaft mit ebenfalls nicht sehr spannenden Orten. Wo wir auch sind, Heydar Aliyev, der verstorbene Staatspräsident ist in Bild und Zitaten allgegenwärtig, inzwischen regiert sein Sohn Ilham das Land. Das stelle ich mir mal lieber nicht mit der Familie Kohl vor, denke ich, doch die Bedeutung von Vater Aliyev ist mit der von Helmut Kohl wohl nicht ganz zu vergleichen, und auch die „Demokratie“ an sich funktioniert eben etwas anders.
Flachland verschiedener Form und kulinarische Genüsse
Neben vielen Kilometern auf ebenen Strecken haben wir uns für Aserbaidschan zwei touristische Punkte vorgenommen: die Schlammvulkane von Qobustan und den Sirvan-Nationalpark. (Danke für die Tipps an Gerald, der einen sehr zu empfehlenden Reiseführer zu Aserbaidschan geschrieben hat.) Zu ersteren müssen wir uns allerdings über Wanderwege hoch kämpfen, nachdem wir die existierende Piste nicht finden. Wir zelten in einer einsamen Mondlandschaft an einem blubbernden See mit Blick aufs Kaspische Meer. Schlammvulkane sind keine Vulkane im eigentlichen Sinne, sondern entstehen durch entweichendes Gas, das Schlamm mit nach oben transportiert. Mit Vulkanen verbindet sie ihre Form, der Schlamm ist allerdings kalt und sie sind auch wesentlich kleiner. Lustig in jedem Fall, wie sie gurgeln, pupsen und Schlamm auswerfen! Im Nationalpark sehen wir ein paar der letzten freilebenden kaukasischen Antilopen, aufs Foto bekommen haben wir leider nur ihre weißen Hinterteile.
Schließlich werden wir von einem aserbaidschanischen Fernsehteam auf der Straße aufgespürt und gefilmt - und sehen uns am nächsten Tag tatsächlich im entsprechenden Sender. Dankbarerweise hat man meinen „russischen“ Originalton aserbaidschanisch synchronisiert.
Blubb!
Etwa zur selben Zeit werden wir von einer aserbaidschanischen Familie zum übernachten eingeladen und erhalten einen interessanten Einblick in das Leben der „normalen“ Menschen. Vater Farahim ist Englischlehrer an der örtlichen Schule, sein älterer Sohn Faig studiert mit dem gleichen Ziel. Sein Vater ist davon nicht sehr begeistert - als Lehrer verdient man in Aserbaidschan nur etwa 200 Euro im Monat. Hier sind zwar auch die Lebenshaltungskosten niedriger, aber als riesig empfinden wir den Preisunterschied häufig nicht. Farahim jedenfalls hat „nebenbei“ vier Kühe (die sein Sohn nachmittags auf die Weide führt), zwei Nachhilfeschüler und arbeitet sonntags manchmal als Hochzeitsredner. Damit kommt er dann so eben über die Runden, kann sich einen kleinen Lada leisten und einen Sohn, der in einer anderen Stadt studiert (Studiengebühren immerhin gibt es für die „guten“ Schüler nicht). Die Bildung seiner Söhne und dass sie vielleicht einmal in Europa arbeiten können ist ihm sehr wichtig. Europa, das gelobte Land, und wir kommen uns ganz schön reich vor, dass wir uns diese Reise leisten können.
Gazellensuchbild, im Nationalpark
Der Familienzusammenhalt ist der eigentliche Reichtum hier: was bei uns das Arbeitslosengeld, ist in Farahims Familie die selbstverständliche Unterstützung der sechs Geschwister, wenn eine/r mal keine Arbeit hat. Der jüngste Bruder wohnt, so ist es Sitte, mit seiner Familie im Elternhaus und kümmert sich um die 72-jährige Mutter, die im Vergleich zu Frauen ähnlichen Alters in Deutschland eine sehr betagte Dame ist. Stolz wird uns später das Hochzeitsvideo der Tochter gezeigt. Hochzeiten werden sehr groß (300 Personen) gefeiert und nehmen so einen wichtigen Platz im Freizeitleben der Menschen ein, teilweise feiern die Familien von Braut und Bräutigam getrennt und die Feier der Braut findet ohne den Bräutigam statt, was in unseren Augen natürlich sehr ungewöhnlich ist, wo noch dazu die Gäste tanzen, während die Braut eingerahmt von zwei Cousinen recht regungslos auf einem Podest sitzt.
Familie, hier wird Brot gebacken, die Milchgeber, im Lada, mit Baby, alle zusammen
Zufrieden, so viel über Aserbaidschan erfahren zu haben, verabschieden wir uns von unserer Gastfamilie, Farahim ist auf dem Sprung zur nächsten Hochzeit, allerdings beruflich. Bald steht nun auch der Abschied vom ganzen Land an, nur noch eine kleine Tagesetappe bis in den Iran liegt vor uns und wir sind schon ganz aufgeregt.