Der Tag, als ich meine Socke das Klo herunterspülte ...
Geschrieben von Daniela
... oder hallo, Achse des Bösen. Lenkoran bis Chalus 06 - 12.04.2009
Wie immer, wenn es um den Abschied von einem Land geht, sind wie nervös, und noch mehr, da es um den Iran geht. Wie werden die Grenzkontrollen sein? Wie werden die Menschen uns empfangen? Werden wir haufenweise finster dreinblickenden, bärtigen Männern begegnen, die alles Westliche und damit auch uns hassen? Vielleicht liegt es auch an diesen Gedanken, dass ich zwar nicht das Kind mit dem Bade, aber zumindest eine Socke mit dem Waschwasser in die Toilette ausschütte. Und das, wo ausnahmsweise der Abfluss gut funktioniert. Shit happens, und da ich der schönen Überschrift nicht widerstehen konnte, kommt nun auch Ihr in den Genuss Daniela‘scher Tollpatschigkeit.
Auf den wenigen verbleibenden Kilometern in Aserbaidschan sehen wir uns noch die brennende Quelle (Yanar Bulaq) an. Da hier gleichzeitig mit dem Wasser Methan entströmt, sorgt unser daran gehaltenes Streichholz für eine Flamme - unglaublich! Die Einheimischen füllen alltäglich ihre Flaschen und Kanister mit dem nach Pups schmeckenden Wasser auf und amüsieren sich über uns.
Sie brennt!
Der Abschied von Aserbaidschan ist einer der besonderen Art. Nicht nur, weil ich am Morgen Mantel und Kopftuch auf meine Packtaschen klemme. Nein, es ist eher die Atmosphäre auf aserbaidschanischer Seite, die diesen Fußgänger-Grenzübergang ausmacht. Scheinbar ohne Regeln drängeln sich hier Frauen und Männer jeglichen Alters mit ihren Kindern und Unmengen Gepäck vor einer unscheinbaren Eisentür mit der Aufschrift „Ausgang“. Ein völlig überforderter aserbaidschanischer Offizieller versucht der Lage Herr zu werden, doch ohne durchdringenden Erfolg. Zwischenzeitlich gelingt es den resoluten Damen in der ersten Reihe, die Eisentür aufzureißen und so einen Schritt weiter zu kommen. Amüsiert beobachten wir die tumultartigen Szenen, während der Vertreter der Staatsmacht, dem noch Sonnenblumenkernschalenreste an der Unterlippe hängen, spuckend, schreiend, und riesige Gepäckstücke nach hinten werfend seine Autorität zu sichern versucht. „Oh Mann“, sagt Tobi, „wie sollen wir da nur reinkommen mit den Rädern.“
Schließlich gelingt es uns aber doch und auf iranischer Seite erwartet uns: Ruhe, Sauberkeit und Ordnung. Eine iranische Familie schenkt uns Würstchen, um die Wartezeit zu überbrücken, doch ohnehin kommen wir als erste an die Reihe. Verrückt, die Frage nach den Namen unserer Väter ist das komplizierteste an der ganzen Prozedur, es gibt hier wohl nicht so viele Joachims und Bernhards.
Fahrradprofi mit Profifahrrad, an der Grenze, zu Gast
Da sind wir also, im Iran, und so langsam verschwindet das mulmige Gefühl in meiner Magengrube. Sieht ja eigentlich alles ganz normal aus hier, und auch wenn der Verkehr etwas chaotisch erscheint, so wird auf uns oft Rücksicht genommen.
Dennoch erscheint uns in den nächsten Tagen der Verkehr das gefährlichste im Iran, vor allem die sehr eng überholenden Busse und Lkw, oft genug halte ich den Atem an. Und sonst? Alle sind so nett, gastfreundlich und mitteilungsfreudig, dass ich schon nach zwei Tagen das Gefühl habe, unendlich viel gelernt zu haben. Gleich am ersten Abend werden wir von der Straße weg zu einer Familie eingeladen. Die fünfzehnjährige Nichte übersetzt, während sicherlich zwanzig Menschen nacheinander auf dem Teppich Platz nehmen. Hier wird auch gegessen (auf einer in der Mitte ausgebreiteten Plastiktischdecke), Tee getrunken und am Abend werden die Matratzen ausgerollt - iranische Räume sind multifunktionell!
Am Tag darauf sind wir gerade erst zwanzig Kilometer gefahren, da spricht uns ein junger Mann auf Englisch von seinem Motorrad aus an. Ob wir nicht gerne etwas Zeit mit ihm verbringen wollten, vielleicht den ganzen Tag und auch über Nacht? Nein, sagen wir, wir müssen ja noch weiter. Schließlich wird aus einer kleinen Teepause ein Mittagessen, aus dem Mittagessen eine gemeinsam gerauchte Wasserpfeife, aus der Wasserpfeife ein Ausflug mit dem Auto in die Wälder und am Ende ein gemeinsam verbrachter Abend.
Wasserpfeife, Familienfoto, Jungs
Gholamreza, unser Gastgeber, erzählt von den Schwierigkeiten, als Universitätsabsolvent im Iran eine Arbeit zu finden und von seinen Plänen, für einige Jahre in Australien Geld zu verdienen. Iran, das ist ein Land voller junger Menschen - 70% der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt, und zwei Drittel der Erstsemester an den Universitäten sind Frauen. Generell erscheint uns der Bildungsstand im Vergleich zu Aserbaidschan recht hoch zu sein, und irgendwie machen auch die Frauen einen präsenten, starken Eindruck.
Die Kleiderordnung hierzulande ist für Frauen folgende: Der „Hejab“ ist Pflicht, das heißt: Die Bedeckung der Haare und ein Oberteil, dass mindestens bis zur Mitte der Oberschenkel reicht, Arme und Beine sind ebenfalls zu bedecken.
Praktisch sehen wir unterschiedlichste Bekleidungsformen. Einige Frauen tragen den Tschador, (wörtlich mit „Zelt“ zu übersetzen) einen weiten, schwarzen Umhang über Kopf und Körper, der vorne mit der Hand zusammengehalten wird. Die meisten Frauen kombinieren ein mantelartiges Oberteil mit einem Kopftuch, das entweder vorne geknotet oder locker überschlagen wird. Kaum eine Frau ist so gekleidet, dass kein Haar zu sehen ist, bei vielen sitzt das Kopftuch weit am Hinterkopf, während vorne eine Tolle keck hervorragt, auf die Elvis neidisch wäre.
Was bei den Einheimischen oft gut aussieht, zumindest aber passend, wirkt bei mir wie eine Verkleidung, und die zwickt und kneift mich öfter einmal. Zum Glück ist es nicht so warm, und unter meinem Fahrradhelm merke ich das Kopftuch kaum. Eigentlich wollte ich auch ohne Mantel und nur mit einem langärmeligen Oberteil von Tobi fahren, aber als ich mich bei unseren ersten Gastgeber zurechtmache, bittet er mich, doch den Mantel anzuziehen. Am unpraktischsten ist das ganze eigentlich bei Pause, wo ich mich nicht einfach umziehen kann sondern darauf achten muss, dass mich auch niemand mit dem T-Shirt sieht, oder wenn ich meine Haare neu zusammenbinden möchte. Viele Situationen sind umständlich, wenn man es nicht gewohnt ist und sich den ganzen Tag in der Öffentlichkeit aufhält. Ja, ich freue mich schon wieder auf T-Shirt-Zeiten.
Einen kleinen Wehrmutstropfen also gibt es (und natürlich kein Feierabendbier mehr), doch die Menschen machen es mehr als wieder wett. Inzwischen kommen wir uns vor wie Berühmtheiten. These: Würden wir hier verschwinden und Bilder von uns im iranischen TV gezeigt werden, würden inzwischen mehr als 100 Leute hektisch ihre Fotohandys hervorkramen, und mit ihrer Hilfe könnte mühelos unsere Route nachgezeichnet werden, tagsüber wahrscheinlich lückenlos. Oft werden wir angehalten und gefragt, manchmal blitzt es am ausgestreckten Arm aus dem Beifahrerfenster, jemand eilt am Straßenrand herbei oder die ganze Familie stellt sich im Spalier um uns herum auf.
Moschee, Transportwunder, deutsche Traktoren (im Hintergrund)
Häufig genügen übrigens schon kurze Begegnungen, um überraschend offene und kritische Aussagen zur aktuellen Regierung zu hören, vielen scheint es geradezu ein Bedürfnis, sich deutlich abzugrenzen. Trotz zu befürchtender Repressalien lassen es sich die Iranerinnen und Iraner nicht nehmen, ihre eigene Meinung zu vertreten. Ab und zu werden Frauen festgenommen, die zu viel Haar zeigen. Mehr oder weniger willkürlich werden dabei, so hören wir, die ersten zwanzig auf der Straße aufgegriffen, bis eben der Bus voll ist, mit dem sie ins Gefängnis gefahren werden. Dort werden die Familien informiert, die gegen eine Strafe ihre Töchter und Ehefrauen wieder mitnehmen können.
Satelliten-TV ist hierzulande verboten - offiziell gibt es nur 5 Fernsehsender, die alle von der Regierung gesteuert sind. In einem Hotel schauen wir Nachrichten mit englischen Untertiteln, die (an Ostern) verkünden: „Tausende Deutsche demonstrieren für den Frieden.“ Wow, denken wir, die deutschen in die Jahre gekommenen Ostermärsche schaffen es in das iranische Fernsehen. Die nachfolgenden Bilder zeigen ausschließlich DemonstrantInnen mit palästinensischen Flaggen. Viele Iraner, die die propagandalastigen Sender satt haben, haben Satellitenfernsehen, auch wenn so eine „Schüssel“ natürlich nicht gerade unscheinbar ist. Von Zeit zu Zeit also kommen Kontrolleure, sammeln sie ein und jede/r kauft sich eine neue - so kann man die Wirtschaft auch ankurbeln.
Wie Ihr seht - wir stillen ausführlich unseren Wissensdurst, während wir die eher langweilige Küste des Kaspischen Meeres bei weitgehend regnerischem Wetter unter die Räder nehmen. Wir haben uns für diese Route entschieden, weil die Strecke hierher und über die Berge verkehrsärmer und landschaftlich im letzten Teil schöner sein soll. Nach einer langen Zeit auf Flachetappen haben wir uns also wieder einmal etwas vorgenommen, nämlich einen neuen Höhenrekord. Vorher erholen wir uns in Chalus noch bei Poula, unserer dritten Einladung in sechs Tagen. So viel also zu den „bösen“ Iranern.