Bilder und Geschichten

Am 13. Juni 2010
sind wir nach 577 Tagen,
21.297 Kilometern und
36 besuchten Ländern
nach Deutschland zurückgekehrt.

Regelmäßig erzählen wir von unserer großen Reise. Termine findet Ihr hier.
 
Nach 577 Tagen, 21.297 km und 36 besuchten Ländern sind wir seit 13.06. wieder zurück in der Heimat. Weitere Infos folgen bald!
 
Breaking the law PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Tobi   
oder legal, illegal, scheißegal?
30.04. - 13.05.2009

So much for the golden future, I can‘t even start
I‘ve had every promise broken, there‘s anger in my heart
You don‘t know what it‘s like, you don‘t have a clue
If you did you‘d find yourselves doing the same thing too
.

Breaking the law, breaking the law
(Judas Priest - Breaking The Law)

Offiziell ist der Konsum von Alkhohl im Iran verboten. Offiziell ist der Konsum von Schweinefleisch verboten. Offiziell ist Satellitenfernsehen verboten. Viele Filme (darunter auch zahlreiche iranische Produktionen) sind verboten. Frauen und Männer müssen die islamische Kleidungsvorschriften einhalten. Kontakte zwischen Nichtverheirateten, die über den Blickkontakt hinausgehen, können geahndet werden.

Diese Liste an Ver- und Geboten ließe sich beliebig fortsetzen. Inoffiziell sieht die Situation dann gleich etwas anders aus. Nicht wenige Iraner und hier lebende Ausländer versuchen trotz drohender Repressalien diese Vorschriften, soweit möglich, zu umgehen.

So sieht man zum Beispiel bei einem Blick aus Hochhausfenstern, gleich welcher von uns besuchten iranischen Stadt, unzählige Sattelitenschüsseln. Unter der Hand werden die Telefonnummern von Installateuren weitergegeben, die die Schüsseln besorgen und dann installieren. Dass alle paar Monate wieder jemand von der Regierung vorbeikommt und die Schüsseln abmontiert, interessiert nur die wenigsten. „Dann besorge ich mir eben eine neue“, so ein Iraner zu uns.

Auf dem Schwarzmarkt bekommt man zudem alle Sorten von Alkohol. Das Angebot reicht von dänischem Bier über russischen Vodka bis hin zu schottischem Single-Malt-Qualitätswhisky. Dass (ausländische) Kinder ihr Taschengeld für eine Salami vom Schwarzmarkt ausgeben, gibt es wohl nur im Iran. Die Preise für die illegalen Produkte haben es allerdings in sich. Umgerechnet mehr als fünf Euro muss man für ein 0,33 l Carlsberg-Bier hinlegen. Da denkt man ja nostalgisch an das günstige Bier in Skandinavien. Um an die begehrte Ware zu kommen, muss man zunächst jemanden kennen, der die entsprechenden Kontakte hat und außerdem das Vertrauen, dass der Fragende kein Spitzel ist. Natürlich sind die Preise hoch, der Schmuggel und der Schwarzmarkt sind ein großes Risiko und der Aufwand ist enorm.

Und dann ist da noch die Eselsbande. Es geht hier die Geschichte um, dass eine Gruppe von Eseln alleine, ohne menschliche Begleitung, im Grenzgebiet zur Türkei ein reges Geschäft betreibt. Die Esel schmuggeln Alkohol von der Türkei in den Iran, auf dem Rückweg wird billiges Benzin transportiert. Als es den Offiziellen schließlich zu bunt wird, werden die Esel von der Polizei verhaftet und eingesperrt. Doch die inhaftierten Esel stellen sich als sehr hungrig heraus und die Kosten für ihren Unterhalt als enorm. Was tun? Aus Mangel an akzeptablen anderen Lösungen lässt man die Esel schweren Herzens wieder frei. Diese, gar nicht faul, beginnen sofort wieder mit ihrer Arbeit und setzen den Marsch fort - ihre menschlichen Hintermänner werden jedenfalls nicht gefasst (gehen wir mal davon aus, dass Esel nicht selbst ein solches Business aufziehen). Inwieweit die Geschichte wahr ist, kann ich nicht sagen, wir haben sie aber aus zuverlässigen Quellen erzählt bekommen. Und wenn sie nicht wahr ist, ist es trotzdem einen schöne Geschichte, die viel darüber aussagt, dass Menschen und Esel immer einen Weg finden, Vorschriften zu umgehen und es teilweise unmöglich ist, sie daran zu hindern.

Ähnlich sieht es im Kulturbereich aus. Ausländische Filmproduktionen gibt es auch hier - auf dem Schwarzmarkt, wobei hier die Preise für eine DVD recht günstig sind. Und da es sich um Raubkopien handelt, die manchmal direkt aus den Hollywood-Studios kommen, kann es sein, dass man den Film schon kaufen kann, ehe er überhaupt im Westen in die Kinos kommt.

Viele iranische Filme sind verboten, da sie politisch, religiös oder aus anderen (teilweise unbekannten) Gründen den Zensoren nicht gefallen. Diese Filme stellen zum Teil die Missstände im Iran zur schau und decken auf, wie absurd manche Gesetze sind bzw. ausgelegt werden. In „Rough Cut“, einem Dokumentarfilm, werden die  Probleme teheranischer Boutiquebesitzer wegen ihrer weiblichen Schaufensterpuppen behandelt - diese sollen möglichst wenig „echten“ Frauen ähneln. Also werden ihnen Brüste abgesägt, Arme und Beine entfernt, und bei den neueren Produktionen gibt es nur einen halben Kopf, der etwa auf Höhe der Nase mit einem Schnitt endet. Metaphorisch verweist der Film auf die Situation der Frau und das Verbot, ihre Weiblichkeit offen zu zeigen. Der Film „Offside“ handelt von einigen Frauen, die das für die WM 2006 entscheidende Qualifikationsspiel gegen Bahrain im Stadion ansehen wollen. Der Stadionbesuch ist aber für Frauen nicht erlaubt, sie sollen sich das Spiel zu Hause im Fernsehen ansehen. Der Film erhielt auf der Berlinale 2006 den Silbernen Bär. Unglaublich ist, dass dieser Preis für den verbotenen Film im iranischen Filmmuseum ausgestellt ist. Noch unglaublicher ist, dass dort auch ein noch viel heiklerer Preis steht: Ein Teddy (Preis der Berlinale für den schwul-lesbischen Film) ging 2008 an den iranischen Film „Be Like Others“. Und das, obwohl es im Iran offiziell keine Homosexuellen gibt. Schon verrückt - die Filme sind illegal, aber wenn sie Preise bekommen, ist das Regime doch stolz darauf.

Ein besonderes Erlebnis habe ich an einem Abend. Ich bin mit einem Bekannten zu einer iranischen Kunstsammlerin eingeladen, die alle ein bis zwei Wochen in ihrem Haus Filmabende veranstaltet. Diese Treffen sind ebenfalls nicht legal, da oft verbotene Filme gezeigt werden. Es gibt keine schriftlichen Einladungen, die Treffen werden mündlich kurz vorher bekannt gegeben. Um kein Aufsehen zu erregen, darf auch nicht in der Nähe des Hauses geparkt werden.

Häufig sind an diesen Abenden die Regisseure anwesend und stehen Rede und Antwort. Da sitzen wir also mit etwa 60 Leuten im Wohnzimmer dieser Dame und schauen uns zwei Filme mit dem Beamer an, wobei der zweite Film erst die dritte Ausstrahlung weltweit ist. Von den Zuschauern ist etwa die Hälfte iranisch, die andere Hälfte Ausländer: Leute aus der Privatwirtschaft, Journalisten von großen Nachrichtenagenturen und sogar Mitarbeiter europäische Botschaften. Alle genießen den Abend und einige haben sicherlich die gleiche Melodie wie ich im Kopf, die ich in der Studienzeit mit meinem Freunden von den Partysahnen jedes Mal beim Überfahren einer roten Ampel mit dem Fahrrad sang: „Breaking the law, breaking the law!“

P.S. Wir wissen, dass das Regime im Iran unberechenbar und damit trotz vieler Inkonsequenzen gefährlich für seine Bürgerinnen und Bürger ist. Mit unserem Artikel möchten wir nichts verharmlosen, sondern vielmehr deutlich machen, wie sehr uns die Lebensfreude, Kreativität, und Stärke beeindruckt haben, mit der die Menschen hier ihr Leben leben.
 
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