Teheran bis Sarakhs 15. - 25.05.2009 Ist es schlau, sich nach einer langen Pause direkt ein heftiges Programm vorzunehmen? Wohl nicht, aber manchmal eben noetig: 900 Kilometer wollen wir in 12 Tagen inklusive Grenztag hinter uns bringen. Zunaechst einmal geht es in Teheran ja lange Zeit bergab, weil unsere Gastgeber weit im Norden wohnen - genauer gesagt sind es 400 Hoehenmeter auf 20 Kilometern, die wir praktisch rollen lassen koennen. Bei unserem ersten Hinweisschild ein kleiner Schreck - wir haben uns verrechnet und bis zur Grenze sind es ueber 100 Kilometer mehr als angenommen. Mashad haben wir beschlossen auszulassen, auch wenn es ein wenig schmerzt - der Zeitplan mit den schon vorher festgelegten Visa erlaubt keine Abstecher mehr und wir sind ohnehin noch gar nicht sicher, ob wir es bis zur turkmenischen Grenze ohne andere Verkehrsmittel schaffen.
So weit noch!, Mittagessen, Wuestenberge
Zum ersten Mal, seit wir unterwegs sind, koennen wir abends im T-Shirt vor dem Zelt sitzen, ohne dass uns kalt wird. Dabei trinken wir unser alkoholfreies Bier mit Fruchtgeschmack (gar nicht mal so schlecht, so lange man es nicht mit „echtem“ Bier vergleicht). Die Kehrseite ist, dass es tagsueber recht heiss ist, wir versuchen also frueh aufzustehen, um zur Mittagshitze die meisten Kilometer hinter uns zu haben und eine lange Pause einlegen zu koennen, nach der wir dann noch einmal ein paar Stunden auf dem Rad sitzen. Dazwischen liegen zahlreiche Pausen mit kohlensaeurehaltigen Erfrischungsgetraenken (wir trinken jeder am Tag fuenf Liter Fluessigkeit) und Pistazien. Die Versorgungssituation stellt sich als etwas spaerlich heraus, und sind wir an unserem zweiten Abend sehr froh, als wir nach einigen Kilometern im Gegenwind eine Polizeistation finden, bei der wir unser Zelt aufstellen, und, noch viel wichtiger, Wasser erhalten koennen. Ab jetzt fahren wir immer mit einer Extra-Reserve Fluessigkeit.
Abendverkehr, Reparatur, huebscher junger Mann
Seit Teheran sitze ich in Tobis langaermeligen Fussballtrikot, langer duenner Hose und einem im Nacken gebundenen Kopftuch auf dem Rad. Wenn wir eine laengere Pause in einem Ort einlegen, ziehe ich meinen Mantel ueber und binde das Kopftuch vorne. Diese Bekleidungsform schraenkt mich waehrend des Fahrens kaum ein und ist fuer die Iraner wohl auch in Ordnung, zumindest beschwert sich niemand. Die Frauen hier sind anders angezogen als in Teheran oder auch Esfahan, die meisten tragen den Tschador, teilweise sieht man ihn auch bei ziemlich kleinen Maedchen. Bis zur Praesidentschaft Khatamis (der vor Ahmadineschad im Amt war) konnte ein iranisches Maedchen bereits mit neun Jahren heiraten, inzwischen liegt das Mindestalter bei dreizehn Jahren, Kopftuchpflicht besteht ab neun. Iranische Maedchen werden also schon frueh als Frauen betrachtet, ab neun besteht auch die Kopftuchpflicht. Ich bin verwirrt, denke an mich mit neun Jahren, Hoehlen, Klettern, „Deutschland erklaert den Spass“-Spielen (Pazifistische bzw. politisch korrekte Variante von „Deutschland erklaert den Krieg“, falls Ihr das eher kennt). Ich denke auch an kleine Maedchen in Deutschland, die weniger aussehen wie Kinder als wie kleine Frauen mit ihren Stiefelchen und manikuerten Naegeln. Kinder sollen Kinder sein, auch wenn es zufaellig Maedchen sind. Und wer denkt, dass eine Neunjaehrige heiraten kann, nur weil sie vielleicht schon ihre Menstruation hat, steht fuer nichts anderes als legalisierten Kindesmissbrauch.
Sonne, neuer Werbestar fuer Delster?, Bus
Mich als Touristin zwingt zum Glueck niemand, einen Tschador zu tragen, und meine vergleichsweise ausgiebige Koerperbedeckung hat Vorteile: ich kann nur an wenigen Stellen Sonnenbrand bekommen und brauche sehr viel weniger Sonnenmilch als Tobi. Einen Vorteil hat ebenfalls der Wind: er kuehlt. Gerne haetten wir jedoch auf diesen Vorteil verzichtet, wenn er uns nicht so oft erbarmungslos von vorne entgegen geblasen haette. Manchmal haben wir zur Abwechslung auch starken Seitenwind, der uns fast von der Strasse weht. Das ganze ist einerseits koerperlich anstrengend und zeitaufwendig, aber mindestens ebenso aufreibend fuer die Psyche. Immer dieses Rauschen in den Ohren zu haben, immer gegen einen unsichtbaren Gegner ankaempfen zu muessen, der nie schwaecher wird waehrend die eigenen Kraefte schwinden, das kann einem im wahrsten Sinne des Wortes auf den Geist gehen.
Wind, Sonne, Der Schulrat und seine Freunde
Nachdem wir ein paar Tage lang deutlich unter unserem anvisierten Ziel von knapp 100 Kilometern taeglich geblieben sind und uns im Anstieg zu einem 2000 Meter hohen Pass befinden, wieder im Gegenwind, beschliessen wir, eben einfach so viel zu fahren wie wir koennen und zu schauen, wie weit wir aus eigener Kraft kommen. Generell gefaellt uns unsere momentan praktizierte Art zu reisen nicht sehr gut - zu wenig Zeit bleibt fuer Begegnungen am Wegesrand und dafuer, Einladungen anzunehmen. Wir bekommen trotz unserer Hektik dauernd so viel Essen geschenkt, dass wir nur noch fuer das Abendessen einkaufen mьssen - eine Gurke am Wegesrand, ein Schluck kaltes Wasser, ein aus dem Auto herausgestreckte Orange sind beinahe alltaegliche Erlebnisse. Die Iraner wollen sich wohl noch einmal positiv in unser Gedaechtnis einpraegen, Mission geglueckt!
Der einzige Schatten, Sonnenbrillenwelt, Wegweisung
Am vierten Tag nach unserer Abreise und bei der Abfahrt von oben genannten Pass treffen wir in einem kleinen Lokal einen in den USA lebenden iranischen Arzt, der gerade in seinem Heimatland zu Besuch ist. Hier hat er zwei Maedchenschulen gebaut, und da er ausserdem aktiver Radfahrer ist, erkundigt er sich interessiert nach unserer Reise. „Oh, Wahnsinn, Ihr habt bestimmt einen Ruhepuls von 45!“ - „Keine Ahnung.“ Schwupps, schnappt er sich Tobis Unterarm. „Hm, 65.“ Tja, die Umwandlung zum Jan Ullrich ist wohl doch noch nicht abgeschlossen. Trotz des entaeuschenden Ergebnisses organisiert der Arzt fuer uns in Shahrud, genau eineinhalb Tagesetappen entfernt, eine kostenfreie Uebernachtungsmoeglichkeit in einem „Lehrerhotel“, und dieses sehr freundliche Angebot nehmen wir gerne an. Waehrend der selben Mittagspause bezahlt uns der Besitzer des Teehauses das Mittagessen, und die Maenner vom „Roten Halbmond“ (Gruss an deren Kollegen Thomas) schenken uns zwei Dosen Baked Beans (super, die essen wir ohnehin staendig) und vier Dosen Thunfisch (toll, alle fuer mich, da Tobi keinen Fisch isst). Unsere iranischen Rial werden wir wohl nicht mehr alle los, wenn das so weitergeht!
Karawanserei-Reste, Kamele, Wilkohmen
In Shahrud freuen wir uns also ueber ein Bett und die Moeglichkeit, unsere Kleidung zu waschen. Wir treffen Herrn Rostami, der so etwas wie der Schulrat der Region ist - genauer gesagt besucht er uns in unserem Zimmer. Zusammen mit ihm, einer Uebersetzerin und deren Vater (der waehrenddessen im Fernsehen die Lieblingsserie fast aller Iraner sieht, „The Legend of Chumu“ oder so aehnlich) sitzen wir zwischen unserer aufgehaengten Unterwaesche und sind ein wenig peinlich beruehrt. Herr Rostami tut, als waere die Umgebung ganz normal und bietet mir, als er von meinem Job erfaehrt, an, iranische Sozialarbeiter in Shahrud kennenzulernen. Doofer Zeitplan, denn das haette mich natuerlich sehr interessiert.
Fotomodell
So fahren wir also weiter und haben eine nicht gerade erfreuliche Begegnung an einem ohnehin schon unerfreulichen Abend. Zunaechst hat Tobi einen Platten, der nach dem Flicken nicht haelt und uns zwingt anzuhalten, weil es inzwischen dunkel wird. Dann brennt der gerade gereinigte Kocher nicht richtig und wir brauchen Ewigkeiten, bis wir ein Essen vor uns haben (Nudeln mit Baked Beans und Thunfisch). Das haben wir noch nicht fertig aufgegessen, als eine Spinne mit einem Durchmesser von ca. 10 Zentimetern (inklusive haarigen Beinen) auftaucht. An Riesenameisen haben wir uns ja inzwischen schon gewoehnt, auch einen Skorpion haben wir bereits gesehen, aber das geht nun wirklich zu weit. Tobi versucht das Tier zu vertreiben, das wird aber offenbar vom Licht eher angezogen und rast ueber das Innenzelt, in dem ich inzwischen sitze. Als Tobi es schliesslich auch hinein geschafft hat, ist die Spinne immer noch in unserer Naehe und krabbelt an unserem Fliegennetz entlang. Frueher hatte ich ja selbst vor kleinen Spinnen Angst, die habe ich inzwischen abgelegt, aber so ein grosses Tier mit acht Beinen jagt mir ja doch einen Schrecken ein, warum eigentlich genau? Dabei hat mir doch mein Biologielehrer erklaert: „Haetten wir die Spinnen nicht, wir waeren schon laengst von Insekten aufgefressen!“ Ich traue mich jedenfalls noch nicht einmal, hinzuschauen und muss mich auf Tobis Aussagen verlassen wie „behaarte Beine“ und „so schwarz-weiss“. Nach diesem Abend beschliessen wir, kuenftig so zu zelten, dass wir im Dunkeln bereits im Zelt sind.
Vollbeladen
Wir naehern uns langsam der turkmenischen Grenze. Die an uns meistgestellte Frage ist die, woher wir kommen, und beim dreissigsten Mal an einem Tag kann das schon einmal nerven. Ich wьrde gerne einmal „Israel“ antworten, aber Tobi sagt, dass Israelis gar nicht in den Iran einreisen dьrfen und dass darum eine solche Aussage wohl etwas riskant waere. Gehupt wird auch viel: 102 unzweifelhaft uns geltende Huper zaehlt Tobi an einem Tag, an dem wir fast nur auf verkehrsarmen Nebenstrecken unterwegs waren.
Schatten, WInd und ein nettes Geschenk
Wir sind froh, als wir die Abzweigung in Richtung Sarakhs erreicht haben und erwarten nun entspanntes Radeln, da wir auf den verbleibenden 200 Kilometern von 1500 Metern auf etwa 300 Meter herunter muessen. Wie so oft sieht die Realitaet dann etwas anders aus: es geht viel auf und ab, und das in sehr grosser Hitze. An unserem letzten Tag im Iran liegen immer noch 134 Kilometer vor uns. Der Wille treibt uns voran, hinauf und hinunter und bis zur Grenzstadt Sarakhs. Auch ein Gewitter kann uns nicht mehr aufhalten, das verbringen wir in illustrer Runde in einem Unterstand. Ausser uns selbst sind das: ein Paar, deren Motorrad einen Platten hat (wir helfen mit Flickzeug aus), drei Erwachsene und ein Kleinkind, die ebenfalls auf EINEM Moped unterwegs sind, ein offener Lieferwagen voller Pappkartons, zwei Maenner mit je einem Moped, auf das sie vor sich ein Schaf geklemmt haben und drei Maenner, die hier ihren Gebetsteppich ausrollen, nacheinander beten und uns nachher eine CD schenken (leider haben wir keinen Player dabei).
Kurz darauf liegt unsere laengste Etappe hinter uns: Geschafft haben wir es, und geschafft sind wir auch.