Sarakhs bis Farab 26. - 31.05.2009
Wir sind Fernsehstars! Und das schon zum zweiten Mal, kurz vor unserem Grenzuebertritt nach Turkmenistan fragt der Hotelier unseres Hotels, ob es in Ordnung waere, wenn er die lokalen Fernsehmenschen holt. Wir haben nichts dagegen, er denkt wohl an sein Hotel im Hintergrund. So grinsen wir also in die Kamera, als uns bedeutet wird „Please smell!“ und erzaehlen unsere Geschichte auf Englisch. Oesterreich wird damit mit Australien uebersetzt (Deutschland, Australien, Italien, eine sehr logische Route).
Nach ein wenig Oeffentlichkeitsarbeit steht ein eher unangenehmes Stueck Reisen auf dem Programm: der Grenzuebertritt. Als wir unsere verbleibenden Iranischen Rial tauschen moechten (vor lauter Einladungen sind wir ja gar nicht zum Geldausgeben gekommen, wie bereits erwaehnt!) erfahren wir, dass es seit diesem Jahr in Turkmenistan eine neue Waehrung gibt: 10000 alte Manat sind nun zwei neue. Um die Verwirrung fuer uns komplett zu machen, sind noch beide Waehrungen im Umlauf - sechs Tage werden nicht reichen, um spontan zu wissen, ob der Preis ok oder ueberteuert ist.
Die Turkmenen sind die ersten, die sich fuer unser Gepaeck interessieren und es durch einen Scanner schieben lassen (von uns). Da etwas das Interesse eines Beamten weckt, muessen wir einige Taschen ausraeumen, bis sich herausstellt, dass dieses Etwas unsere Akkus sind. Des weiteren fuellen wir zwei Zollerklaerungen aus und lassen uns das Fieber messen (ist das jetzt noch wegen der Gefluegel- oder schon wegen der Schweinegrippe? Letzteres waere fuer Reisende aus dem Iran ja ziemlich laecherlich).
Kamele, der Moerderkaefer und sein Opfer
Irgendwann haben wir es dann geschafft, mein Mantel ist ja schon ausgezogen, die Hosenbeine werden abgezippt und das Kopftuch in die Tasche gesteckt. Mein Mantel findet im ersten Lokal nach der Mittagspause eine neue Besitzerin - ich werde ihn nicht vermissen.
Hier in Turkmenistan sehen die Frauen gleich ganz anders aus. Sie tragen farbenfrohe, lange Kleider und manchmal auch einen Sonnenschirm als Schutz. Manche tragen ein hinten gebundenes Tuch auf dem Kopf, viele lachen und sprechen uns an. Sie scheinen ueberall zu sein, Geschaefte und Lokale voller gutgelaunter, strahlender Frauen. Und: ich kann mich mit ihnen (mit den Maennern auch) unterhalten, denn viele sprechen Russisch. Nach der langen Zeit im Iran scheinen wir in einem matriarchalischen Wuestenstaat gelandet zu sein. Die Maenner sind westlich angezogen, wie es mir ueberhaupt auffaellt, dass wir waehrend unserer Reise traditionelle Kleidung eher bei Frauen als Maenner gesehen haben. „Wo sind denn hier all die Maenner geblieben?“ frage ich Tobi. „Muessen alle Wodka trinken“ ist seine Antwort. Stimmt vielleicht.
"Ich bin Zemzen, das Wuestenkrokodil...", Kuehe im Wasser
Von der Grenzstadt Serahs machen wir uns durch die Halbwueste auf in das 90 Kilometer entfernte Hauz-Han, und zwar ueber die kuerzere, angeblich schlechtere Strasse, deren Qualitaet wir allerdings bis auf kurze Abschnitte recht gut finden. Wir sehen Kamele und am naechsten Morgen auch Zemzen, grosse Echsen, die bis zu 1,80 werden koennen und auch Wuestenkrokodile genannt werden. Abends beobachten wir vorm Zelt einen gepunkteten Moerderkaefer, der ein kleineres Insekt verspeist, und koennen dabei zuhoeren, wie er dessen Panzer knackt. Solche Tierbegegnungen heitern uns auf, waehrend es am zweiten Tag fuer Tobi schon nicht so gut laeuft. Auch die Naechte sind heiss, die Temperaturen tagsueber steigen auf ueber 35 Grad und wir sind ziemlich erschoepft.
Mittag in Hauz-Han machen wir unter Baeumen, beim darauffolgenden Eisessen vor einem Laden werden wir von der Polizei vertrieben: „Hier darf man nicht sitzen! Fahrt weiter!“ Nach einer Militaerkontrolle am vergangenen Tag, waehrend der Teenager mit Cowboyhueten von uns Dokumente verlangten, deren Name uns unbekannt war („Du kannst doch Russisch! Du musst doch wissen, was das ist!“) ist dies schon das zweite negative Erlebnis mit der vorherrschenden Buerokratie. Turkmenistan ist nach der Unabhaengigkeit von der Sowjetunion uebergangslos in eine Diktatur mit einem Personenkult geschliddert, die wohl ansonsten nur mit Nordkorea vergleichbar ist. 2006 ist der Diktator „Turkmenbashi“ gestorben, an der politischen Situation hat sich dadurch bisher offensichtlich nicht viel geaendert. Fuer uns ist dies das erste Land, in dem wir uns als Touristen von nicht sonderlich willkommen fuehlen, zumindest nicht auf Seiten der Offiziellen.
Turkmenische Frau am Busbahnhof, Tobi im Sandsturm
Unsere Zeit in Turkmenistan ist durch das Transitvisum auf sechs Kalendertage beschraenkt (ein Touristenvisum erhaelt nur, wer mit Fuehrer reist), wenig zu fahren oder gar einen Ruhetag einzulegen koennen wir uns bei knapp 500 Kilometern nicht leisten. Am naechsten Tag fuehle ich mich schon beim Aufstehen nicht gut, neben den ueber 50 Mueckenstichen ist mir flau im Magen, und obwohl wir ausnahmsweise mal keinen schlechten Wind haben, laeuft es nach Mary ziemlich schlecht. Nach 50 Kilometern kommen wir an, kaufen eine Cola und legen uns zunaechst erschoepft in den Schatten einiger Baeume. Tobi baut ab, auf dem Weg ins Zentrum wird klar, dass wir uns hier ein Hotelzimmer nehmen muessen - alle paar Meter halten wir im Schatten an. Vor dem Hotel sitzt er zusammengekauert im Schatten, waehrend ich, auch nicht ganz fit, uns ein Zimmer organisiere. Das hier fuer Auslaender mehr als doppelt so teure Preise wir fuer Turkmenen gelten, zaehlt in diesem Moment nicht.
Den restlichen Tag und auch den naechsten verbringen wir im Bett, mit Fieber (Tobi und ich), Erbrechen und Durchfall (nur Tobi). Wir sind traurig, weil das bedeutet, dass wir einen grossen Teil der turkmenischen Strecke nicht mit eigener Kraft zuruecklegen koennen. Gut 200 Kilometer muessen wir schliesslich mit dem Bus fahren. Beim Warten am Busbahnhof faellt mir auf, warum ich das Reisen mit dem Fahrrad so schaetze: wir sind unabhaengig und sind, wenn auch langsamer, dann unterwegs, wenn wir es selbst wollen. So langes Warten sorgt fuer ungeahnte Geistesblueten: Ich frage mich, ob es einen turkmenischen Superhelden namens TurkMAN mit grossem T auf der Brust gibt. Oder vielleicht eine turkmenische Version der Jacob-Sisters, vier schoene zentralasiatische Damen in langen, bunten Kleidern mit jeweils einem Wuestenkrokodil auf dem Arm, die „Schnappi, das kleine Krokodil“ singen. Ach, da kommt ja der Bus und erfreulicherweise nimmt er uns und unsere Raeder auch mit nach Turkmenabat. Die Reise geht durch die Wueste, aber auch vorbei an landwirtschaftlich intensiv genutzten Flaechen. Der Karakum-Kanal sorgt dafuer, dass dies in der urspruenglich extrem trockenen Umgebung moeglich ist, leider ist er ebenso fuer die Austrocknung des Aralsees verantwortlich.
Waschsalon in der Wueste, Firuza mit Schwester und Neffen, Fruehstueck
Als wir in Turkmenabat ankommen, liegt die Stadt im Sandsturm, und wir kaempfen uns hindurch. Der Sand setzt sich ueberall fest, in Augen, Ohren und Haaren besonders. Wir finden keinen geeigneten Zeltplatz und fragen schliesslich bei einer Tankstelle, ob wir dort unser Zelt aufstellen koennen. Ja, das ist prinzipiell moeglich, nur macht es der Sandsturm schwer. Aus dem Sandgestoeber kommt, als wir noch mit unserem mobilen Haus kaempfen, eine junge Frau auf uns zu. „Wollt Ihr hier zelten? Wollt Ihr nicht bei mir und meiner Familie schlafen?“ spricht sie uns auf Englisch an. Wir ueberlegen ein wenig, doch eigentlich ist unsere Entscheidung schon gefallen und so radeln wir langsam dem familaeren Kombi hinterher. Wir sitzen im teppichgepraegten Wohnzimmer der Familie und werden, wie so oft, fuerstlich bewirtet. Ausserdem erfahren wir viel Interessantes. Firuza ist achtzehn und hat in der Schule sehr gutes Englisch gelernt, anschliessend bei einer chinesischen Firma, die in der Gasfoerderung taetig ist, gearbeitet. Ein Studium kann sie sich nicht leisten, denn das kostet 10.000 US-Dollar im Jahr. Nun moechte sie Chinesisch lernen, um ihre beruflichen Chancen zu verbessern, und sie moechte reisen. Uns faellt zum wiederholten Mal auf, wie privilegiert wir sind mit unseren deutschen Paessen - Turkmenen koennen ohne Visum nur in ein einziges Land der Welt reisen, und das ist Usbekistan.
Gestaerkt durch ein ausgiebiges Fruehstueck fahren wir am naechsten Tag Richtung Grenze. Schade, dass wir Turkmenistan nicht ganz beradeln konnten.