Offensichtlich fuerchtet sich der turkmenische Staat mehr vor dem, was wir in das Land einfuehren, als vor dem, was wir exportieren koennten - die Kontrollen bei der Ausreise sind jedenfalls mehr als laessig. Bei den Usbeken gestaltet es sich fuer uns aehnlich, offensichtlich stellt sich die Situation fuer Menschen anderer Nationalitaet anders dar. Eine Gruppe robuster Frauen in traditionellen Kleidern und mit viel Gepaeck hat mit den Grenzbeamten offensichtlich Aerger. Der wird, nicht untypisch fuer postsowjetische Grenzsituationen, lautstark ausgetragen, bis es schliesslich nacheinander zum Traenenausbruch einer aelteren Dame und unkontrollierten Wutausbruch eines jungen Grenzbeamten kommt. Wie Forscher einer fremden Spezies, die deren Sprache nicht verstehen, beobachten wir die Situation. Wer will hier eigentlich was? Wer ist im Recht, wer im Unrecht? Wir wissen es nicht.
Unter Ziegen, Wegweiser, deutsche Jeepreisende
Die Zoellner geben sich bei uns damit zufrieden, unsere Fronttaschen zu durchsuchen, probieren Tobis Fernglas aus und blaettern in meinem Tagebuch. Nicht nur darum machen uns die Jungs einen respektlosen Eindruck. Wie man in unserem fortgeschrittenen Alter noch keine Kinder haben kann, das ist ja hier ohnehin unbegreiflich, nach dem kurzen Spruch des einen Zoellners und dem anzueglichen Lachen aller anderen zu urteilen wird hier ueber die Gruende im organischen Bereich gemutmasst. Vielleicht sollte ich einfach einmal sagen, wir haetten fuenf Kinder, die im Kinderheim sind. Oder bei der Oma. Oder verkauft. Ich bin nur nicht so gut im Luegen.
Somsaorgie, Dorfbesuch, in Bukhara
Ein paar Kilometer spaeter werden wir eingeladen, als wir nach dem Weg fragen, erst zum Uebernachten, und als wir ablehnen, auf einen Tee. Natuerlich kommen zum Tee dann doch noch Somsa, mit Fleisch gefuellte Teigtaschen, und Wodka hinzu. Wir haben gerade zu Mittag gegessen und eigentlich keinen Hunger, aber die zentralasiatische Gastfreundschaft kennt keine Gnade. Kaum sind die Somsa weg, werden neue geordert, ein endloser Strom von Teigtaschen, der sich nach ebenso endlosen Aufforderungen in unsere Muender und Maegen ergiesst. Mann, wir waren doch gerade erst krank! Zum Glueck sieht man wenigstens ein, dass wir Sportler nicht viel Wodka trinken koennen. Zur Tochter und zum Schwiegersohn geadelt sitzen wir dort mit fast platzenden Maegen und wiederholen, dass wir an diesem Tag wirklich weiterfahren wollen. Echt. Ernsthaft. Tatsaechlich. Unsere beiden Gastgeber trinken derweil den Wodka und ordern uns neue Somsa. Erstaunlicherweise schaffen wir es nach geraumer Zeit, uns aus diesen freundlichen, aber engen Faengen zu befreien. Von Wodka und Somsa beschwert radeln wir weiter, als uns ein Jeep mit deutschem Nummernschild ueberholt. „Where do you come from?“ fragt der Fahrer mit deutschem Akzent. „Deutschland.“ „Ah, dann koennen wir ja normal reden!“
Bukhara
Am naechsten Tag geht es fuer uns nach Bukhara. 30 Kilometer vor der Stadt wollen wir in einem kleinen Ort Wasser kaufen und sind die Attraktion, zwanzig Menschen stehen um uns herum. „Trinkwasser ist bei uns umsonst!“ informiert uns ein aelterer Herr und aus einem Eimer werden uns Glaeser eingeschenkt. Wir bringen es nicht ueber uns abzulehnen, obwohl wir wegen unserer ohnehin noch leicht instabiler Maegen Sorgen haben. Ein dicker, haesslicher Mann in einem Lokal nennt uns Faschisten, als er hoert, dass wir aus Deutschland kommen.
Teppicherstellung
Bukhara ist ein Schock. Vor zwei Stunden waren wir noch Freaks, nun sind wir zwei von vielen Touristen und im Visier der Postkartenverkaeufer und Hotelanbieter. „Very cheap!“ Wir treffen eine deutsche Reisegruppe, die sich freut, uns zu treffen: „Ist ja toll, dass man so was auch mal trifft!“ Wir sind ueberfordert. Schoen ist es hier, ohne Frage, vor der Absolvierung des touristischen Pflichtprogrammes verbringen wir den Abend aber zunaechst einmal am Lyabi-Hauz, dem zentralen Platz am Wasser, wo Touristen wie Einheimische ihr Schaschlik essen.
Bukhara Sightseeing, Teil II
Das Abendessen bekommt mir allerdings nicht so gut oder auch das doerfliche Trinkwasser: nachts finde ich mich ueber der Kloschuessel wieder. Ohne jetzt zu sehr ins Detail zu gehen, offensichtlich hat Zentralasien eine Menge Viren und Bakterien zu bieten, an die unsere Maegen nicht gewoehnt sind, denn aehnliche Probleme begleiten uns bis heute. Die hygienische Situation in vielen kleinen Restaurants kommt uns oft nicht gerade vertrauenerweckend vor, aber wir haben keine Lust, uns nur noch von Keksen und Bananen zu ernaehren und geben die Maxime aus: gewoehne dich, Koerper! Mal sehen, wie das so funktioniert.
Bukhara Teil III, lonesome cyclist, Esel mit Radler
Bukhara ist schoen, aber touristisch. Sehr. Vielleicht hat uns auch einfach Esfahan und der Iran verdorben. Hier habe ich zum ersten Mal Moscheen in dieser Form gesehen, hier war die historische Huelle noch mit Leben gefuellt und der Islam greifbar. In Bukhara dienen die Madrassen und Moscheen scheinbar bloss noch als Ueberdachungen fuer Souvenir-, Teppich-, Schmuck- und „Silk-Road“-T-Shirt-Haendler. Als wir durch den Ark, koenigliche Residenz aus dem 5. Jahrhundert und wichtigste Sehenswuerdigkeit, gefuehrt werden, verwendet der Guide etwa 50% seiner Erklaerungen auf historische Begebenheiten (interessant), die anderen 50% auf Verkaufsshows bei befreundeten Haendlern. „Nein, wir wollen nichts kaufen, sind mit dem Fahrrad da!“ „Ah, ok, dann nehmt das hier, das ist kleiner.“ Am Ende sollen wir dann noch einen Polizisten bezahlen, um von einem Aussichtspunkt aus einen guten Blick ueber Bukhara zu haben, wovon wir lieber Abstand nehmen.
Samarkand, Samarkand-Bewohner
Nach Sightseeing und einem kompletten Tag im Internet werden wir von Touristengeldsaecken wieder zu seltsamen Deutschen auf dem Rad und machen uns auf den Weg nach Samarkand. Der Weg dorthin ist gut 270 Kilometer lang und extrem langweilig. Da wir Zeit haben und beide nicht ganz fit sind, planen wir vier Tage ein, das wird uns jedoch schnell zu oede und so fahren wir dann doch in drei Tagen durch. Keine Steigungen (also auch keine Abfahrten), endlose, ineinander uebergehende Doerfer und wenige Zeltmoeglichkeiten, das erfreut des Reiseradlers Herz nicht gerade. Tobi hat mal wieder einen Platten, das kam oft vor in letzter Zeit, und er wechselt vorderen und hinteren Mantel in der Hoffnung, dass der weniger abgenutzte vordere sich hinten etwas belastbarer zeigt. Unzaehlige Menschen fragen uns nach Herkunft, Ziel, Alter, Familienstand, Kinderzahl, zahlreiche maennliche Jugendliche geben uns Fahrradeskorten oder interviewen uns von ihren Raedern aus. Eine Frau in einem kleinen Laden schenkt mir einen Teewaermer in Brautform (muessen wir leider zuruecklassen, kein Platz). Menschen rufen uns hinterher, oft nur „Ey!“ oder sie pfeifen, was uns seltsam erscheint. Ich streichele die Ohren eines Esels und sie fuehlen sich wunderbar an. Esel, ueberhaupt, sind ueberall: vor kleine Karren gespannt, als Reittiere bei Hirten oder am Rand von Feldern und geben verzweifelte Laute von sich, zumindest fuer uns hoert es sich so an. Ich mag Esel.
Esel!
Samarkand: eine recht grosse Stadt von 400.000 Einwohnern, wir sind erschoepft und landen weich in einer Backpacker-Unterkunft voll bequemer Sitzgelegenheiten und endloser Tees. Wir unterhalten uns mit anderen Reisenden. Hier werden nicht die Fragen nach Alter, Familienstand, Kinderzahl gestellt, hier gibt es andere Routinen und man fragt nach Reiserouten und Erlebnissen. Waeren wir taeglich in dieser Umgebung, waere das vielleicht genauso langweilig, irgendwie passiert uns das aber nur recht selten. Einem schweizer-suedkoreanischen Paar, das mit oeffentlichen Verkehrsmitteln auf einer aehnlichen Route wie wir unterwegs ist, findet es wie wir auch schwer, sich nach den grossartigen Iranern auf die Usbeken einzustellen. Ein russisch-amerikanischer Reisender war mit dem Rad in die andere Richtung unterwegs, wurde aber wegen Bombenanschlaegen im Fergana-Tal an der kirgisisch-usbekischen Grenze abgewiesen. Nebenbei erfahren wir, dass in Usbekistan keinerlei auslaendische Journalisten erlaubt sind.
Marktstand, Usbekistans next Markt Model, Verkaeufer
Was tun wir also hier? Entpannen, Internet, Sightseeing lauten unsere Eckpfeiler. Ein bisschen ist die touristische Situation hier so wie in Bukhara, noch dazu kostet es ueberall Eintritt, fuer uns Auslaender 15mal so viel wie fuer Einheimische. Uns vergeht ein wenig die Lust, aber Shar-i-Zindah, ein Mausoleum mit verschiedenen, prachtvoll mit Mosaiken verzierten Graebern, beeindruckt uns doch.
Mit Ablauf unseres usbekischen und Beginn unseres tadschikischen Visums werden wir Samarkand verlassen, dann geht es wieder in die Berge. Auf dem Weg nach Dushanbe wartet ein 3300 Meter hoher Pass auf uns, wir sind gespannt.