Tobi: „Ich muss noch Mani- und Pediküre machen.“
Daniela: „Manni und Pätty Küre? Hört sich an wie ein west-ost-deutsches Ehepaar.“
Samarkand war schön. Wir beobachten bei uns selbst einen gewissen Moscheen-Überdruss, und das ist eine Schande. Wenn man wunderschöne Dinge immer und immer wieder in ähnlicher Form sieht, stumpft man einfach ab.
Uns gefällt, dass wir in unserer Unterkunft viele andere Reisende treffen, bis auf Esfahan ist uns das noch nicht passiert. Viele hier sind für längere Zeit unterwegs, für mehrere Monate oder auch ein Jahr, und viele reisen Überland durch Asien. Matthias und Sophie sind ein französisch-schweizerisches Paar, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis nach Südostasien und von dort weiter nach Australien und Südamerika wollen. Otto ist ein schweizer Motorradfahrer, der eine große Runde dreht: Schweiz, Russland, Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan, Kasachstan, Mongolei, wieder Russland bis zum Baikalsee und dann über Finnland und Schweden zurück. 28.000 Kilometer wird er unter die Reifen nehmen, und wofür wir wohl zwei Jahre bräuchten, hat er vier Monate anvisiert. Beneidenswert schnell, einerseits, doch eigentlich sind wir mit unserer eigenen, langsamen Art des Reisens zufrieden. Otto ist auch Päsident des Shisha-Klubs von Thun und hat in seinem Gepäck sogar eine Wasserpfeife dabei! Entsprechend wird es ein angenehmer Abend vor unserer Abreise.
Otto und seine Shisha, Reisende, On the road again
Vor dem Grenzübertritt hatten wir ja ein bisschen Bammel. In Usbekistan muss man sich nämlich eigentlich jede Nacht in einer Unterkunft registrieren lassen, und uns fehlen auf unseren Zetteln zwei Nächte, die wir im Zelt verbracht haben. Letztendlich interessiert das dann keinen, die einzige Schwierigkeit ist, den verschlafenen Grenzbeamten dazu zu aktivieren, uns auszustempeln. Es scheint, als hätte eine tiefe Müdigkeit die nicht eben viel frequentierte Grenze befallen. Uns soll‘s recht sein, und die Tadschiken glänzen sogar mit ungewohnter Freundlichkeit, man kann schon fast von Service sprechen.
Da sind wir also: neues Land, neues Glück. Zum Radfahren war Usbekistan echt öde und jetzt haben wir die Berge wieder, die wir uns gewünscht haben. Am Morgen nach unserer ersten Nacht besucht uns ein älterer Herr am Zelt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe, hat uns gesehen und möchte uns unbedingt zum Frühstück einladen. Etwas gegessen haben wir zwar schon, aber ein Tee kann ja nie schaden.
Traumhaft schöner Pausenplatz bei netten Menschen
Vom Sitzplatz vor dem einfachen Lehmhaus ist der Ausblick traumhaft. Auch wenn die Fragen ähnlich sind wie so oft, so sind sie doch sehr freundlich und zurückhaltend gestellt. Natürlich werden wir zum Bleiben eingeladen, doch nach einer Stunde verabschieden wir uns - Dushanbe ruft. Auf dem Weg versuchen wir zwei Esel zu bändigen, die, aufgeschreckt durch einen Donner, ihren zwei kleinen Wächtern ausgebüxt sind. Um es kurz zu machen: mit Kraft allein ist das nicht möglich, die Esel sind nämlich stärker als wir. Wie ein Wasserskifahrer rennt Tobi an den Zügeln des einen Tieres hinter ihm her. Da haben uns auch die Jungs eingeholt und schwupps, sitzen sie schon wieder auf.
Leider wird die Straße zusehends schlechter. Grober Schotter, große Steine, riesige Schlaglöcher wechseln sich mit auch mal ganz gutem Asphalt ab. Die Natur entschädigt uns für einiges, an den Hängen eines Tales fahren wir bergauf und bergab durch kleine Orte. Zumeist ist die Umgebung karg, nur an einigen Stellen, an denen sich Wasseradern befinden, gibt es Ackerbau, Weideflächen und Bäume, deren Grün umso leuchtender erscheint.
Karg zeigt sich nicht nur die Natur bisweilen, karg ist auch die Auswahl in den Läden. Die meisten Menschen hier versorgen sich weitgehend selbst, und so gibt es oft nur Kekse, Nudeln, Zucker, Waschmittel und Toilettenpapier. Manchmal auch Eis, gekühlte Getränke nie. Wir sind verwöhnt, offensichtlich! Die Milchprodukte, die uns freundlich angeboten werden, sind vor allem eins: sauer. Auch daran werden wir uns gewöhnen müssen, gehört wohl zur Akklimatisierung des Magens an die zentralasiatische Küche dazu (ein Projekt, das noch lange nicht abgeschlossen ist). Das Motto lautet: Fleisch ist mein Gemüse, genauer gesagt: fettes Fleisch. Beilagen beschränken sich oft auf rohe Zwiebeln und Brot. Lokale gibt es aber ohnehin sehr selten, und wenn, bieten sie oft nur ein einziges Gericht an.
Begegnungen auf dem Weg
Die Menschen hier sind nett, und erscheinen uns anfangs vor allem zurückhaltender als in Usbekistan. Jedenfalls die Erwachsenen. Die Kinder haben Schulferien, helfen ihren Eltern und rufen uns „Hello!“ zu. Und das oft! Manchmal scheinen sie förmlich aus allen Ecken herbeizuströmen, „Hellohellohellohellohello“ schreiend, manchmal klatschen sie uns ab und einmal werden wir bis zur körperlichen Erschöpfung angeschoben. Ein paar Jungs schlagen als Preis für ein Foto von ihnen 100 Dollar vor. Wie kommen sie auf diese Idee?
Den Kopf schüttelnd fahren wir weiter. Ein älterer Herr an einem anderen Ort, der stolz davon berichtet 54 Kinder zu haben, spricht uns auf der Straße an und möchte, dass wir ihn fotografieren und ihm das Foto zusenden. In seiner Jackentasche trägt er ein Bild mit sich herum, das ihm eine französische Touristin zugeschickt hat. Wir sind überrumpelt und machen das Bild, wie gewünscht, notieren auch seine Adresse. Doch eigentlich möchten wir jemandem, den wir gar nicht kennen, kein Bild zusenden, einfach so, wir sind ja keine Dienstleister. Beim nächsten Mal werden wir also möglichst höflich ablehnen, denn sonst müssen wir Dutzenden Menschen Bilder zusenden, die wir gar nicht kennen - oder ein schlechtes Gewissen haben. Beides möchten wir nicht, und ebenso wenig als Lügner dastehen.
Warten an einer Absperrung, chinesische Straßenbauarbeiter
Oft ist es so, dass keine Fragen, sondern Ansprüche gestellt werden. Ein betrunkener aserbaidschanischer „Biznizman“ (das Wort gibt es tatsächlich auch im Russischen) sagt zu uns: „Ihr kommt mich besuchen in meiner Heimatstadt. Ich besuche Euch. Wenn Ihr nicht kommt, seid Ihr nicht meine Freunde und ich denke schlecht über Euch.“ Tobi grinst neben ihm, als ich die sich wiederholenden Phrasen übersetze und ich muss mein Lachen unterdrücken. Gemein! Oder sind wir gemein? Der Trunkenheitszustand ist leider so fortgeschritten, dass kein vernünftiges Gespräch möglich ist. Fortwährend knutscht er uns ab, auf Wangen und Haare (seit mehreren Tagen nicht gewaschen), mir auch die Hand. Einen Kuss auf den Mund verweigere ich, was ihn völlig überrascht. Puh, noch mal gut gegangen, sein Freund kommt, zieht ihn weg und entschuldigt sich bei mir.
Am Tag vorher will ein betrunkener Jogi-Löw-Verschnitt unserer Adresse. Den Zettel zum Notieren holt er aus seiner linken Socke. Ein bisschen habe ich Angst, dass all diese Menschen eines Tages vor der Haustür von Tobis Eltern stehen, Tag für Tag jemand anderes, der uns treffen will.
Natürlich aber wird das nie passieren: fast alle, denen wir ehrlich angeboten haben, uns in Deutschland zu besuchen und ebenso die, die unsere Adresse erbeten haben, sie werden schlicht nie das begehrte Visum bekommen. Während wir fröhlich mit unserem deutschen Pass in der Weltgeschichte herumreisen, ist das für die meisten Menschen unvorstellbar, weil ihnen die finanziellen Mittel fehlen, aber auch, weil sie im „falschen“ Land geboren wurden. Wir haben Glück, nur den Mut und etwas Geld mussten wir selbst aufbringen. Weil ich nicht anders kann als das ungerecht zu finden, ist bei solchen Begegnungen immer ein wenig Wehmut dabei.
Auf und Ab
Radfahren ist so viel einfacher! Wir machen mehr Höhenmeter auf schlechten Straßen, nach Ayni werden sie besser und alles ist voller chinesischer Straßenbauarbeiter mit roten Helmen. Sie sind viele, und es mutet absurd an, dass in einem Land mit so vielen armen Menschen wie Tadschikistan so viele ausländische Arbeitskräfte tätig sind. Ob die Tadschiken zu schlecht ausgebildet sind oder die chinesische Firma den Auftrag nur unter der Bedingung übernommen hat, ihre Leute selbst mitzubringen? Wer weiß. Wie wir wissen, gibt es außer dem Pass noch einen tiefer liegenden Tunnel, der befahrbar sein soll. Oder doch nicht. „Da steht Wasser! Ein Meter tief!“ sagt man uns. Außerdem sei der Tunnel tagsüber wegen Bauarbeiten geschlossen. Da der Pass aber aufgrund von Schnee ebenfalls geschlossen sein soll, bleibt uns keine Wahl, es einfach zu probieren.
Die letzten 17 Kilometer zum Tunnel beginnen sehr steil (wie wir erst später auf einer Karte sehen, wäre der Weg zum Pass erst noch dem Fluss gefolgt und einer ganz anderen Straße gefolgt). Da es bereits Abend ist, stellen wir unser Zelt auf und nehmen sie am nächsten Morgen in Angriff. Immerhin ist die Straße fast durchgehend gut, und während die Autos wegen Bauarbeiten an einer Absperrung warten müssen, lässt man uns weiter nach oben durch. In einem wunderschönen Hochtal bewegen wir uns auf den Tunnel zu, und auch dort will man uns nicht aufhalten.
Der Tunnel und wir
Der Tunnel besteht aus zwei Röhren. Aus der einen ergießt sich ein veritabler Fluss. Die andere steht nur teilweise unter Wasser, und es gibt auch nur zu Beginn eine recht tiefe Stelle. Gut, dass wir unsere hohen Wanderschuhe angezogen haben! Fast überall können wir aber fahren, Wasser gibt es allerdings nicht nur von unten, sondern auch von oben strömen Sturzbäche auf uns herab. Bauarbeiter schenken uns Atemmasken, Stirn- und Fahrradlampen leuchten uns den Weg durch das Pfützenlabyrinth. Zum Glück kommen uns nur ganz wenige Baustellenfahrzeuge und Pkw entgegen, so können wir uns quer über die Fahrbahn den besten Weg suchen. Nach fünf Kilometern und 50 Minuten sind wir froh, wieder draußen zu sein. Frische Luft, welch gute Erfindung, denn eine Lüftung gibt es im Tunnel nicht.
Eine schöne Abfahrt liegt vor uns. Die Straße ist weitestgehend in gutem Zustand, nur im Bau befindliche Lawinenschutztunnel müssen wir auf Schotter umfahren. Ansonsten heißt es: rollen lassen. Hungrig halten wir bei einem kleinen Lokal an, auch wenn es hier nur Hammel am Knochen aus dem Topf mit Brot und Zwiebeln gibt. Tobi findet das Essen ziemlich eklig und nimmt nur wenig zu sich. Wir entscheiden, dass es schon zu spät ist, um noch bis Dushanbe zu fahren, vorher müssten wir noch unseren Gastgeber Marc anrufen, und uns davor noch eine funktionierende Handykarte besorgen.
Die Gegend wandelt sich. Waren vor unserem Stopp keine Restaurants zu sehen, reiht sich nun eins an das andere. Große Häuser stehen in der Gegend herum, dicke Autos rollen vorbei. Wir zelten am Fluss, im Iran würde man das hier Picknickgebiet nennen. Tobi geht‘s nicht gut, ihm ist schlecht und schnell verkriecht er sich in den Schlafsack. Um es kurz zu machen: diese Nacht wird für keinen von uns erholsam, was man eklig findet sollte man offensichtlich nicht essen, denn das Fleisch verlässt Tobi auf dem selben Weg, auf dem er es zu sich genommen hat. Zum Glück geht es mir gut und so kann ich Tobi wenigstens den Rücken streicheln, wenn er sich mal wieder übergeben muss. Mann, hört das denn nie auf?
Gerädert starten wir in den nächsten Tag. Holz holende Kinder schauen uns dabei zu, mir, wie ich die Sachen zusammen räume, und Tobi, wie er auf der Isomatte liegt. Schweigend sitzen sie lange da und gucken: im öffentlichen Raum gibt es eben keine Privatsphäre.
Zum Glück sind die letzten 40 Kilometer nach Dushanbe einfach. Unterwegs verkünden Schilder zwar immer mal wieder 12% Steigung, dabei handelt es sich aber immer nur um ca 100 Meter lange „Anstiege“, in denen vielleicht 5 Höhenmeter gewonnen werden. Hallo, wir sind in Tadschikistan, gibt es hier keine andere Verwendung für solche Schilder?! Tobi kriecht hinter mir her und hält sich tapfer. Am Sonntag Nachmittag kommen wir an und erreichen Marc am frühen Abend.
Was dann passiert, das ist dann schon wieder eine ganz andere Geschichte.