Bilder und Geschichten

Am 13. Juni 2010
sind wir nach 577 Tagen,
21.297 Kilometern und
36 besuchten Ländern
nach Deutschland zurückgekehrt.

Regelmäßig erzählen wir von unserer großen Reise. Termine findet Ihr hier.
 
Nach 577 Tagen, 21.297 km und 36 besuchten Ländern sind wir seit 13.06. wieder zurück in der Heimat. Weitere Infos folgen bald!
 

Kilometerzähler

Gesamtbilanz

  21.297  Kilometer
133.164  Höhenmeter

Letzte Position
N 50°29.507'  E 007°53.618' 
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Blut, Schweiß und Tränen. PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Daniela   
Und jede Menge kalte Getränke (wenn auch nie genug).
Dushanbe bis Khorog

12. - 21.07.2009

Aller (Neu-)Anfang ist schwer. So auch bei uns. Und wir konnten es noch so sehr ahnen, immer sagen, „ja, das wird bestimmt nicht einfach" und uns vorbereitet fühlen, aber dann sitzen wir eben doch am Nachmittag unseres ersten Tages am Straßenrand auf einer Wiese und denken uns: Mist. War das immer so anstrengend? War das immer so heiß? Wo ist unsere Energie geblieben?

Emotional waren die letzten Wochen anstrengend, dazu waren wir körperlich faul. Haben unsere Abfahrt aus Dushanbe ohne wirklichen Grund noch um einen Tag verschoben und den Luxus der Hauptstadt und Marcs Gastfreundschaft genossen. Zunächst wollten wir mit einem französischen Paar gemeinsam radeln, die wir am Flughafen von Riga kennen gelernt haben. Letztlich sind wir froh, dass wir alleine unterwegs waren, um wieder  in unseren Rhythmus zu kommen.


im Anstieg, Stausee, Wespennest

Bisher hatten wir uns auf unserer Reise langsam von zu Hause entfernt. Langsam wurden die Toiletten schlichter (von Sitz- zu Hocktoiletten, von Toilettenpapierentsorgung in die Toilette zum Eimer, von Wasserspülung zu Plumpsklo), langsam die Häuser der Menschen einfacher, langsam das Essen anders; wobei natürlich die Entwicklung nicht immer linear war. Jetzt aber sind wir von Deutschland nach Tadschikistan innerhalb eines Tages gereist, anders als im Urlaub ist nicht mehr alles neu und spannend, und anders als im Urlaub wissen wir auch, dass wir nicht in vier Wochen wieder zu Hause sind und alles nur eine exotische Erinnerung im Fotoalbum sein wird. Nein, zumindest für ein paar Monate ist es einfach: unser Alltag.

Eben den wieder zu finden fällt uns schwer. Es ist heiß in den Niederungen Tadschikistans (so 35 Grad im Schatten, wir sind aber ja nie im Schatten), und nur etwa 20 Kilometer nach Verlassen Dushanbes fängt die Steigung zu unserem ersten Pass an - immerhin auf über 1500 Meter. Leider wissen wir die Höhe vorher nicht, da sie in unserer Karte nicht verzeichnet ist, schätzen ihn niedriger ein - und hoffen so mit jeder Biegung - Mist, noch immer nicht oben.


Mittagspause, Hügelland, Männerrunde

Wir haben übrigens die südliche Route nach Khorog über Kunjab und später immer an der Grenze Afghanistans entlang gewählt, weil die nördliche, eigentliche Hauptroute wegen „some Taliban movement" gesperrt ist. Wenig beruhigend hatte Marc uns informiert, dass es eine solch Situation seit dem Bürgerkrieg nicht mehr gegeben hat. Die Strecke führt uns nach unserem ersten Pass und der Abfahrt auf 600 Meter fast direkt auf einen zweiten zu. Dort wird gerade ein Tunnel gebaut, und da wir, wie bereits erwähnt, vor Fitness nicht gerade strotzen, erkundigen wir uns nach dessen Zustand. „Oh, der ist fast fertig", sagt der Mann, den wir fragen, „wird im September eröffnet, bauen die Chinesen. Da könnt ihr mit dem Rad durch. Woher kommt ihr, aus Deutschland?" „Ja." „Hm, es gibt ja jetzt nur noch ein Deutschland. Welches denn, die Deutsche Demokratische Republik doch, oder?" „Nein, die Bundesrepublik." „Ach, ist das dann nicht demokratisch?" „Doch, doch...." Beim Versuch, den Föderalismus zu erklären, versagen meine Russischkenntnisse.


Straße mit Aussicht

Wir fahren also weiter, der Tunnel ist einwandfrei und wir legen eine unserer vielen noch folgenden langen Mittagspausen ein, die mindestens drei Stunden dauern. Dafür klingelt der Wecker morgens jetzt schon um fünf, jedenfalls meistens. Schwitzen tun wir auch außerhalb der Mittagszeit ordentlich, unsere Droge heißt nun: cholodnie napitki, zu deutsch: kalte Getränke, in die wir einen großen Teil unseres Budgets investieren, wann immer wir sie bekommen können - bis Kuljab, einem größeren Ort nach dem zweiten Pass, ist das noch oft der Fall. Wir schwitzen auch bei unseren zahlreichen Reparaturen in dieser Woche. Tobi hat eine Platten, mein Seitenspiegel bricht ab, meine Schaltung spinnt, unsere beiden Ketten reißen und als Krönung stelle ich fest, dass in Tobis mittlerem Kettenblatt ein Ritzel abgebrochen ist. Das muss dann wohl bis China auf Ersatz warten und Tobi mit einer holprigen Schaltung leben.

Auf unserem derzeitigen Streckenabschnitt treffen wir ungewöhnlich viele Radfahrer. Zunächst in Kuljab Leo, einen Weissrussen. Er will sofort mit uns zusammen fahren, hat aber ein völlig anderes (also, schnelleres) Tempo. Warum er das denn möchte? Leo kann gut Rad fahren (noch besser Bergsteigen, er macht die Tour nämlich nur zur Akklimatisierung für die Besteigung des Pik Lenin), aber keines reparieren. Ein Freund, der eigentlich mit ihm reisen wollte, ist krank geworden, und nun sollen wir gleichsam als Ersatz dienen. Wir fahren uns noch einige Male über den Weg oder hören voneinander, doch gemeinsam sind wir nicht unterwegs. Nach Kuljab steht ein Anstieg zu einem gut 2000 Meter hohen Pass an, den wir alleine und in aller Ruhe meistern. Geht doch! Wir sind zufrieden und genießen die kühleren Temperaturen.


angstverursachende Brücke

Eine holprige Piste hinab geht es zum Panj, dem Grenzfluss zu Afghanistan. Afghanistan! Drüben gibt es nur wenige kleine Wege, keine Autos, viele Esel und einfache Lehmhäuser ohne Stromanschluss. Die Dörfer im großteils trockenen Gebiet liegen in kleinen Wäldchen an Wasseradern. So sehen sie ein bisschen aus wie deutsche Flusscampingplätze - also auf, Camper, nach Afghanistan! Erst sind wir ganz aufgeregt, so in der Nähe zu sein und rufen ein paar Mal „Osama, komm raus!" rüber (etwas albern, muss ich zugeben), aber mit der Zeit (wir werden den Grenzfluss bis Khorog nicht verlassen) gewöhnen wir uns an die Grenze und ebenso an die patrouillierenden Soldaten, die immer wieder unseren Weg kreuzen.


Heuschrecken und Tobi, nass

Unsere Straße ist nach der Abfahrt weiterhin teilweise richtig schlecht mit sehr großen Steinen, sodass wir nur sehr langsam fahren können (und so schon das Gefühl haben, dass die Räder bald auseinanderfallen). Hier fahren uns vier schnelle russische Radler über den Weg, kurz darauf erreichen wir etwas für uns ganz Großartiges: einen Wasserfall, der direkt auf die Straße prasselt. Das ist wie Wildwasserbahn und Dusche in einem, als wir hindurchfahren, zum Glück ist es so warm! Eine Nacht verbringen wir in einer Art Brummifahrerunterkunft - mit Dusche! - und plaudern mit einem deutschen Minenräumer, der seit drei Jahren (nach acht Jahren Afghanistan) in Tadschikistan aktiv ist als Projektleiter einer Hunde-Minenräum-Staffel, die Tiere sind nämlich besser als Metalldetektoren. Später werden wir noch einige Camps seiner Organisation fsd passieren, und auch einige Warnschilder. Wow, was für ein Job. Wir sind beeindruckt.

Für uns geht es weiter, immer weiter. Nach Khorog ist es noch weiter als wir dachten, das heißt in diesem Fall weiter, als unsere Karte ausweist - 50 Kilometer, um genau zu sein, unter den jetzigen Bedingungen quasi ein Tag. Wir radeln zwar ein Flusstal entlang, aber von Moselradweg-Feeling keine Spur: Asphalt wechselt sich mit Schotter ab und es geht ständig am Hang auf und ab. In Kalaikhum erreichen wir die Autonome Provinz Gorno-Badakhshan (GBAO) und müssen uns erst einmal bei der Polizei melden (einer von vielen Besuchen in diesen zehn Tagen).


durch den Fluss, Landschaft, Baustellenstau

Der GBAO bzw. Pamirregion nimmt 45% der Fläche Tadschikistans ein, doch hier leben nur 3% der Einwohner. Man trifft deshalb so viele Radtouristen, weil das Dach der Welt, wie Marc O‘Polo es nannte, durch den Pamir Highway gut erschlossen ist. Er führt über Pässe von über 4500 Metern bis in die kirgisische Stadt Osh und wurde 1931 gebaut. Warum ein solcher straßenbaulicher Kraftakt in menschenleerer Umgebung? Das Pamirgebirge ist der südlichste Zipfel  der ehemaligen Sowjetunion, die Erreichbarkeit war also militärisch erwünscht. Im Süden trennt seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Wakhan-Korridor ein Zipfel Afghanistans eine Supermacht von der anderen, nämlich die UdSSR vom damaligen Britisch Indien und heutigen Pakistan. Seitdem der Bürgerkrieg, in dem sich die Pamirregion vom restlichen Tadschikistan trennen wollte, seit 1997 beendet ist, konnte sich eine relative Stabilität entwickeln. Arm ist die Pamirregion weiterhin, und wie die gesperrte Straße zeigt, ist der jetzige Zustand fragil. Zu den derzeitigen Unruhen haben wir auch das Gerücht gehört, sie seien von Usbekistan gesteuert, das Errichtung eines Staudammes verhindern möchte. Durch ihn würde Usbekistan wesentlich weniger Wasser vom südöstlichen Nachbarn erhalten - Wasser, dass essentiell für die Landwirtschaft und das Exportprodukt Baumwolle ist.


Wasserfall

Unseren Weg nach Khorog hatten wir uns einfach vorgestellt, in der Art: „Wir fahren jetzt mal kurz nach Khorog und dann geht‘s erst richtig los." Nur leider hatte ich da die Distanzen gründlich unterschätzt, nur langsam geht es voran.

Zwei schlaflose Nächte verlängern die „Anreise" gefühlt: In der ersten rollen Steine einen Hang herunter und wir liegen im Zelt und denken an Diebe oder Taliban. In der zweiten gibt es eigentlich keinen Grund, außer einer spät getrunkenen Cola. Wir liegen unter einem Baum, auf einem drei Meter von der Straße erhöhten Plateau, das wenig größer als unser Zelt ist, schauen in einen unglaublichen Sternenhimmel - und können nicht schlafen.

Zur Abwechslung bekommen wir beide dann mal wieder einen Durchfall und ich juckende Pickelchen am ganzen Körper. Nach Konsultation unseres Arztbuches wissen wir: entweder ist es eine Allergie oder die Krätze (hoffentlich ersteres). Jedenfalls muss ich mich sehr zurückhalten, nicht alles aufzukratzen, hinzu kommt ein dickes Auge, ich sehe aus wie Quasimodo und fühle mich auch so.


Anstieg, Erfrischung, wer  passt hier nicht?

In diesem Aufzug tauchen wir auf einer Geburtstagsparty auf - wenn auch nur versehentlich. Ein 65ster ist es, und der Jubilar selbst führt uns an seine Seite und tischt uns auf. Hier können wir zumindest wieder vor dem Essen einen Wodka trinken, diese Therapie hat uns der erfahrene Gerald gegen Magenprobleme empfohlen, der Wunsch wurde uns aber in religiösen Lokalen verwehrt. Mit 65 wie unser Gastgeber ist man hier wahrlich schon ein alter Herr. Wir unterhalten uns nett und genießen vor allem den Schatten, wegen dem wir hauptsächlich hier eingefallen sind, zum Nickerchen mieten wir uns ein Zimmer. Das war nötig!

Kurz zuvor habe ich mir einen innigen Wunsch erfüllt und auf die nervige Frage „warum habt ihr keine Kinder?" dumm geantwortet: „Er ist krank. Er kann keine Kinder machen." erwidere ich verschlafen und patzig den jungen Polizisten, die uns schon zuvor so arrogant behandelt haben. Was denken sich diese 20-jährigen Schnösel? Jedenfalls schauen sie jetzt doof, dieses Ziel wäre erfüllt. Die nächsten geplanten Antworten sind „wir mögen keine Kinder" und „ich habe keine Gebärmutter mehr", für letzteres muss ich allerdings noch im Wörterbuch nachschauen.


Minengefahr, Daniela und Kyle, Quasimodo

Dumm, apropos. Manchmal wünschte ich, wir wären keine Deutschen. Willkommen zurück im Arierland! Wie oft haben wir den Kram jetzt schon gehört, mit Unterbrechung in Turkmenistan und Usbekistan. Die Tadschiken sehen sich auch als Arier, viele von ihnen haben auch helle Augen und recht helle Haut. Sie sind doch mit uns verwandt, und das möchten sie uns gerne sagen, einige auch noch ihre Bewunderung für Hitler kundtun. Das nervt manchmal. Meinetwegen, ist okay, ihr seid Arier: nur ich möchte keiner sein, bitte. Und im nächsten Leben wäre ich gerne Luxemburgerin (schön klein), Schweizerin (immer neutral) oder Amerikanerin (einfach mal ausprobieren, wie die Leute das finden).


65. Geburtstag

Trotz aller Hindernisse: Khorog kommt näher. Auf dem Weg begegnet uns noch Kyle aus den USA, der in Kashgar schon unsere französischen Freunde und in Osh Dan und Krista getroffen hat. Klein ist die Radlerwelt! Vielleicht sehen wir ihn noch einmal im Westen Chinas wieder. Die letzten Tage nach Khorog machen es uns dann endlich mal wieder leicht, die Straße ist besser geworden, die Steigungen weniger. Immer noch zahlreich vertreten sind die Kinder: 40% der tadschikischen Bevölkerung sind unter 15, und alle sind sie anscheinend auf der Straße. Sie rufen Hallo in verschiedenen Sprachen, sie laufen uns hinterher, sie fordern uns mit ihren eigenen Rädern zu Wettrennen heraus (wenn sie uns einmal überholt haben, werden sie langsamer, bis wir wieder vor ihnen sind und so fort). Einer wirft Steine nach uns, ein paar der Kiesel treffen mich am Rücken. Ich bin extrem sauer, und ich gestehe (Bankrotterklärung einer Pädagogin): am liebsten hätte ich das kleine Monster in diesem Moment versohlt. Tu ich natürlich nicht, schreie nur zurück und die Maßregelung übernehmen dann seine kleinen und großen Freunde, hoffe ich zumindest. Wer Tipps hat, wie man auf so eine Situation angemessen reagiert: ich bin dankbar.


Düne, Berge, Fußball

Montag scheint übrigens Fußballtag in Tadschikistan zu sein - in mehreren Dörfern, durch die wir kommen, wird vor Zuschauern gekickt. Wir setzen uns dazu, genießen es, nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und sehen zu, wie ein Spieler wegen zweimaligen absichtlichen Handspiels innerhalb von 20 Minuten noch in der ersten Halbzeit eine Rote Karte bekommt.

Khorog: diese 30.000-Einwohner-Stadt erscheint uns nach unserem langen Weg von Dushanbe wie eine Offenbarung. Bereits als wir am Tag vorher in einem kleinen Laden eine Kühlschrank erblicken, sind wir verzückt: da gibt es kalte Getränke, Käse und Wurst, wir sind wie kleine Kinder im Spielzeugladen, ein debiles Grinsen macht sich auf meinem Gesicht breit - so eine Auswahl hatten wir lange nicht mehr.


Fußballzuschauer, Alpenpanorama mit Heidi und Peter, Wegweiser

Khorog hält dann nicht ganz, was es verspricht. Erst nach einem Umzug finden wir eine Unterkunft, die unseren Wünschen entspricht, im wesentlichen also sauber, ruhig und mit Dusche (letztere ist hier schon recht schwer zu finden). Sind wir verwöhnt? Irgendwie wohl schon, aber wenn wir es schmutzig und ohne Dusche wollen, dann können wir auch im Zelt bleiben. Am Ende aber ist alles gut, wir sind bereits auf 2100 Metern, endlich sind die Temperaturen angenehmer und der Pamir wartet auf uns. Also noch einmal Internetaufgaben erledigen, Handyempfang haben, Gemüse einkaufen und Duschen, dann geht es richtig los. Die Akklimatisierung ist noch nicht abgeschlossen, aber sie hat begonnen.

 
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