Hatte ich im vorigen Artikel bereits von vielen Touristen geschrieben? Es werden noch mehr! Als wir uns entschieden, den Pamir Highway zu fahren, war uns nicht bewusst, wie beliebt er inzwischen bei Touristen ist. Da kommen wir uns ja doch fast vor wie auf dem Moselradweg!
Das Ambiente allerdings ist ein anderes. Zunächst einmal müssen wir von Khorog aus auf einen 4271 Meter hohen Pass, das heißt: über 2000 Meter Aufstieg. Dafür nehmen wir uns drei Tage Zeit. Unsere Abreise wird noch etwas verzögert. In unserer Unterkunft haben wir nämlich drei Epidemologen der WHO kennen, die für eine Woche in Khorog sind. Ihr Arbeitsgebiet: Schweinegrippe. Och, sagt die Ärztin aus Peru, die wird sowieso fast jeder bekommen. Aber nur die wenigsten werden daran sterben. Na, dann ist ja alles gut. Weil sie sich nicht nur um Schweinegrippe kümmert, besorgt sie uns noch ein Medikament gegen die Höhenkrankheit, und das dauert seine Zeit (in der geschlagenen Stunde, die wir warten, muss sie alle Apotheken Khorogs besucht haben).
Bergfahrten, Radlerin Evi
Direkt hinter Khorog wartet ein Polizeiposten auf uns. An die ständigen Kontrollen, in denen unsere Namen auf kyrillisch transkribiert in irgendwelche Bücher geschrieben werden, für was auch immer das verwertbar sein soll, haben wir uns inzwischen gewöhnt. Unser lustigstes Erlebnis hatten wir, als ein junger Polizist mit einem handgeschriebenen Blatt Papier auf uns zukommt. „Where are you from?" liest er mühsam ab, und es folgen noch vier weitere Fragen, deren Antworten er kaum wahrzunehmen scheint, so sehr ist er mit seiner Aussprache beschäftigt. Hier jedoch wird es weniger lustig, man behauptet, wir hätten uns registrieren müssen, und außerdem würde auf unserem GBAO-Permit die Region fehlen, in der wir gerade seien. Ersteres stimmt nicht, da sind wir uns sicher, seit Juni 2009 ist die Registrierung nicht mehr nötig, wenn man maximal 30 Tage im Land bleibt. Bei zweiterem sind wir verwirrt: die tadschikische Botschaft in Berlin hat uns einen Stempel in den Pass gesetzt, der unser Permit ist, mit fünf Regionen drauf. Da soll was fehlen? Ich wiederhole immer wieder: „Ich habe auf dem Antrag angegeben: alle Regionen, und das ist, was sie mir gegeben haben. Das ist richtig so." Schließlich wird es den Jungs zu bunt und sie winken uns entnervt aus ihrem Büro. Erst nachher dämmert mir, was sie mit ihrer Aussage, wir müssten eine Strafe bezahlen (auf russisch „Straff"), meinten: sie wollten Kohle von uns. Unsere Zeit und Beharrlichkeit lässt sie ihren Wunsch aufgeben, gut. Nur etwas gelassener will ich in solchen Situationen noch werden, wir haben uns vorgenommen, möglichst nie Bestechungsgelder zu bezahlen.
Auf dem Pass, Panorama
Zwei Tage nach unserer Abfahrt aus Khorog kommen wir an heißen Quellen vorbei. Zwar ist im „Lüks"-Sanatorium kein Zimmer frei ist, aber an einem anderen Haus können wir unser Zelt aufstellen und die Quelle nutzen. Nicht, dass falsche Vorstellungen aufkommen: wir sprechen von keinem Wellness-Hotel oder Spa. Das Quellwasser fließt leicht schwefelig riechend in ein gekacheltes, ca. 4 mal 4 Meter großes und ein Meter tiefes Becken, das in einer Hütte untergebracht ist. In einer Gegend aber ohne fließendes Wasser und zuverlässigen Strom ist das aber schon ganz schön großartig, Duschen sind im Pamir außerhalb von Khorog praktisch nicht aufzutreiben. Den Abend verbringen wir mit der österreichischen Radlerin Evi, die ihre Sommerferien in Tadschikistan verbringt. Sie staunt über unsere Ausstattung: „Wow, Ihr habt ja Zwiebeln. Und Teller. Und ein großes Messer. Ein Abtrockentuch." Ja, es hat schon seinen Grund, warum unser Gepäck um die 40 Kilo pro Person wiegt - und wir lieben diesen „Luxus", auch wenn wir die Berge dadurch etwas langsamer hochkommen. Reisen über so einen langen Zeitraum ohne Teller, wenn man einen großen Teil der Tage selbst kocht? Nö. Und ohne Bücher erst recht nicht. Unser Lieblings-„Festessen" ist momentan: Nudeln mit einer Soße aus Zwiebeln, Knoblauch, frischen Tomaten und Paprika, denn das sind die Gemüsesorten, die wir am ehesten bekommen.
Der Sprung, zwei belgische Radlerinnen, Hochebene
Gestärkt durch Evis Porridge machen wir uns am nächsten Tag auf zum Pass. Zunächst ist der Anstieg nur gering und die Straße gut, doch dann kommt es dicke mit einer schlechten und steilen Piste. Zuvor laden uns noch die Straßenbauarbeiter zum Tee ein. Im Winter kann es hier minus 60 Grad werden, sagen sie - und dann sind sie auch da. „Ist das der Präsident?" frage ich, als ich ein Foto an der Wand sehe. Die Ikonographie politischer Führer ist uns schließlich seit Monaten vertraut. „Nein", antwortet man mir, „das ist der Aga Khan, unser religiöser Führer." Die Pamiris sind zum großen Teil Ismailis und folgen damit einer Unterform des schiitischen Islam. Der Aga Khan, der als lebender Gott verehrt wird, lebt in der Schweiz und unterstützt die Pamiris unter anderem mithilfe von in verschiedenen Bereichen tätigen NGOs oder den Aufbau einer Universität in Khorog.
Kleiner Tornado, Polnische Reisegruppe, Anfahrt
Den Schlussanstieg nehmen wir, gestärkt durch den Tee der Straßenbauer dann auf unterschiedliche Weise: ich sehr langsam mit wenigen Pausen (da der Neuanfang immer so schmerzt), Tobi schneller mit vielen Unterbrechungen. Jeder auf seine Weise kommen wir an auf unserem nun neuen höchsten Punkt der Reise.
Auf den gut 500 Kilometern bis zur kirgisischen Grenze werden wir nun immer zwischen 3500 und 4665 Metern bleiben. Höhenkrank werden wir nicht, doch spüren wir die Auswirkungen des geringeren Sauerstoffgehaltes in der Luft deutlich. Es ist so, dass ich manchmal das Gefühl habe, gar nicht schnell genug atmen zu können, um meine Lungen zu füllen. Die Anstiege verlaufen langsamer als gewohnt mit vielen Atempausen. Unerwartet fühlten wir uns auch an eine Werbung erinnert: „Ständiger Harndrang? Dauernd nachts raus müssen?", Prostafink ist das glaube ich. Hätten wir vielleicht mitnehmen sollen oder zumindest Tobi (an einem Tag fünfzehnmal gepinkelt...), um durchschlafen zu können oder unsere Haltefrequenz am Tag zu reduzieren. Interessantes Phänomen, haben wir noch nie von gehört. Die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind groß, und vor allem nach dem Bazar-Dara-Pass, unserem höchsten, haben wir morgens häufig ein gefrorenes Zelt.
Wasser filtern, Reparatur, Tschechen im Lada
Die Natur ist wie von einer anderen Welt: wir sind extrem hoch, und doch kommen uns die Berge um uns herum oft nur wie sanft geschwungene Hügel vor. Es ist karg, nur an Bächen entlang sprießen an wenigen Stellen Blumenwiesen, wo wir uns manchmal zum Zelten niederlassen. Orte gibt es nur wenige, wie auch, wenn selbst für Schafe, Ziegen und Yaks nicht genug zum fressen da ist. Ein Tier treffen wir dennoch häufig an: das Murmeltier. Die molligen Nager sitzen vor ihren Höhlen und warnen mit ihrem hohen, vogelartigen Fiepen ihre Artgenossen vor gefährlichen Feinden und uns. Im östlichen Pamir, als für uns das Wetter etwas unsteter wird und einige Regentropfen unsere davon entwöhnten Gesichter streifen, leben zur Hälfte (der zahlenmäßig geringen Bevölkerung) Kirgisen. Vor unserer Reise waren mir die Unterschiede zwischen beiden Ländern nicht so bewusst, doch sie sind recht groß: Tadschiken sind traditionell sesshaft und persischsprachig, die Kirgisen (Halb-)Nomaden und turksprachig, vom Aussehen erinnern Tadschiken eher Iranern, während Kirgisen Mongolen ähneln - wobei natürlich besonders in der Zeit der Sowjetunion eine starke Vermischung stattfand und auch traditionelle Lebensweisen aufgeweicht wurden.
Impressionen aus Murghab
Die verhältnismäßig große Anzahl an Touristen habe ich bereits erwähnt - ich bin überzeugt, dass in mindestens jedem zweiten Auto, dass uns auf dem Pamir Highway überholte, ein oder mehrere Touristen saßen, sicherlich waren hier mehr Touristen als Pamiris unterwegs.
Ab Khorog haben wir mit folgenden gesprochen:
Dirk aus Deutschland, Evi aus Österreich, zwei belgische Frauen, einen Italiener und eine Gruppe von sieben Russen, alle mit dem Rad auf Sommerurlaub
Simone und Jan aus den Niederlanden, die mit dem Rad nach Australien fahren
Ein spanisch-us-amerikanisches Radlerpaar auf dem Weg von Bejing nach Istanbul
Drei schweizer, einen britischen und einen französischen Rucksacktouristen
Einen englischen und einen Schweizer Motorradfahrer
Jenny und Olly aus Großbritannien in ihrem Jeep, unterwegs von Land‘s End nach Sidney
Volker aus dem Berchtesgardener Land mit seinem Jeep-Wohnmobil
Leo, den Weissrussen treffen wir nicht mehr wieder, aber die Tschechen erzählen uns von ihm: „Wir haben ihn getroffen, er hatte einen Platten aber keine Luftpumpe. Außerdem haben seine Bremsen nicht funktioniert. Zu essen hatte er ein halbes Kilo Kekse, er meinte, das reiche für zwei Tage." Ach, Leo, wir hoffen, es geht dir gut.
„Wie heißt das noch, wo ihr gerade seid?", das war eine der beliebtesten Fragen aus dem Westerwald. Tadschikistan scheint auf kaum jemandes Landkarte verzeichnet zu sein, doch nirgendwo haben wir so viele Individualreisende getroffen wie hier. Für uns ist besonders in dieser Region das Fahrrad das ideale Verkehrsmittel: ob gewollt oder nicht legen wir Distanzen langsam zurück, können die Natur auf uns wirken lassen und sind unabhängig. Als Rucksackreisende würde uns gerade letzteres Gefühl fehlen.
Es gibt in der Pamirregion ein recht gutes Netz von Übernachtungsmöglichkeiten, selbst als Radfahrer kann man hier ohne Zelt unterwegs sein, wenn man die pro Tag zurückzulegenden Distanzen auf ein Bett ausrichten möchte. Die meisten Unterkünfte sind sogenannte „Homestays", das heißt, man isst und schläft in den Räumen der Familie und bezahlt dafür meist zwischen fünf und zehn US-Dollar. Die Sanitären Anlagen sind ein Plumpsklo sowie ein Waschbecken, so leben eben auch die Menschen hier, ohne tägliche Dusche.
Murmeltiere
Wir freuen uns, als wir Murgab erreichen und dort einen Eimer heißes Wasser bekommen, um uns bewaffnet mit einer Schöpfkelle im beheizten Außenbad waschen können, auch unsere Kleider werden gleich mit geschrubbt. Luxus kann so einfach sein! Dabei hat mich der Anblick von Murgab nicht gerade in Freudentaumel versetzt: Es ist eine Stadt (mit immerhin über 8000 Einwohnern), an einem Ort (3600 Meter hoch), wo eigentlich keine Stadt sein sollte, rational gesehen. Sie ist grau, viele Häuser sind halb fertig oder verfallen, die Verkäufer auf dem Basar haben wenig aus ihren Containern heraus anzubieten - wo soll hier auch Gemüse wachsen? Der Strom ist unzuverlässig, doch wir können bei der Organisation META das Internet nutzen, und in unserer Unterkunft gibt es gutes Essen und ein gemütliches Bett für uns - zwei Tage Gemütlichkeit versöhnen mich mit Murgab.
Noch drei Pässe warten bis zur Grenze zu Kirgistan auf uns. Es ist auch tagsüber kälter und ungemütlicher jetzt, und manchmal pfeift uns der Wind scharf entgegen. Häufig wechselt er die Richtung und beschert uns so also auch gute Zeiten. Der auf knapp 4000 Meter liegende Karakul lädt nicht eben zum Baden ein, bei diesen Temperaturen. Wir entscheiden uns, ohne Ruhetag bis nach Sary Tash in Kirgistan und weiter nach Kashgar zu fahren.
Zeltplatz, Chefkoch, Fernseher
Die Grenze ist für uns deshalb ein bisschen aufregend, weil wir hier die Pässe wechseln. In Deutschland war je einer unserer Pässe in Berlin bei der tadschikischen Botschaft, während wir die beiden restlichen Visa mit dem anderen Pass in Frankfurt besorgten. Nun soll uns also Tadschikistan ausreisen lassen, ohne dass ein Visum für Kirgistan im Pass ist. Vor allem Tobi macht sich Sorgen. Es ist natürlich nicht verboten, zwei Pässe zu haben, aber in vielen Ländern gilt dies als (Spionage-)verdächtig, einer solchen Diskussion wollen wir uns nur ungern aussetzen. Doch alles geht gut, der Grenzpass ist schneller erreicht als gedacht und eine Abfahrt auf zunächst extrem schlechter Piste erwartet uns. Genauer gesagt heißt das: bergab sind wir ebenso langsam wir bergauf, und schmerzten uns vorher die Beine, sind es nun die Hände vom Bremsen. Später geht alles aber leichter, und schon recht früh fahren wir in Sary Tash ein.
Direkt nach der Grenze wandelt sich die Landschaft: Kirgistan ist satt grün, wo Tadschikistan rot verstaubt war, überall stehen Jurten, und wir sehen Pferde - die gab es in Tadschikistan praktisch nicht, aber Kirgistan ist eine große Reiternation. Wir tauschen in Sary Tash noch unser restliches tadschikisches Geld (wir hatten kaum die Möglichkeit, welches auszugeben) und sind beeindruckt von der Fülle der Produkte in den Läden. Von anderen, die aus Osh hierher kamen, haben wir gehört, was für ein Kaff Sary Tash doch sein, doch für uns ist es beinahe ein Schlaraffenland. Eine Dusche gibt es freilich immer noch nicht, jedoch eine offensichtlich zuverlässige Stromversorgung. Gestärkt machen wir uns am nächsten Tag auf in ein anderes Land und in unseren Analphabetismus.