Bilder und Geschichten

Am 13. Juni 2010
sind wir nach 577 Tagen,
21.297 Kilometern und
36 besuchten Ländern
nach Deutschland zurückgekehrt.

Regelmäßig erzählen wir von unserer großen Reise. Termine findet Ihr hier.
 
Nach 577 Tagen, 21.297 km und 36 besuchten Ländern sind wir seit 13.06. wieder zurück in der Heimat. Weitere Infos folgen bald!
 

Kilometerzähler

Gesamtbilanz

  21.297  Kilometer
133.164  Höhenmeter

Letzte Position
N 50°29.507'  E 007°53.618' 
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Lächeln, schauen, nix verstehen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Daniela   
Sary Tash bis Kashgar
04.08. - 14.08.2009

China schauen wir in verschiedener Hinsicht nicht mit allzu großer Vorfreude entgegen. Erstens haben wir gehört, dass die Regierung in Peking der Provinz Xinjiang, in die wir reisen, seit den Unruhen das Internet gesperrt hat, ebenso wie Auslandstelefonate. Wenn man sich vornimmt, eine Internetseite zu aktualisieren, ist das natürlich eine nicht allzu gute Nachricht. Unsere Familien haben wir dann in Sary Tash mit einer günstig gekauften Sim-Karte noch zukommen lassen, dass es uns gut geht, wir aber voraussichtlich einige Wochen nichts von uns hören lassen können.


Leichtbeladener Japaner, kirgisische Familie, Grenzort Nura

Außerdem waren wir skeptisch bezogen auf die Freundlichkeit der Menschen, zu viel Negatives haben wir schon gehört, aber ganz im Westen leben ja ohnehin Uiguren und keine Han-Chinesen. Leider heißt außerdem ein neues Land in diesem Fall für uns auch verminderte Kommunikationsmöglichkeit. Es ist immer schade, nur auf Zeichensprache und wenige Worte beschränkt zu sein und so vieles nicht mitzubekommen.

Erst einmal stehen noch 90 Kilometer Kirgistan auf dem Programm. Die Straße soll furchtbar sein, haben wir gehört. Ach je. Das ist zwar eine nicht asphaltierte Piste mit auch schlechteren Abschnitten, aber wirklich annehmbar. Chinesische Straßenbauarbeiter, deren Anblick wir seit langem gewohnt sind, verbessern die Straße weiter.


Ach so!, Kamele, Abwärts

Bald sehen wir während einer Pause hinter uns schemenhaft einen Radfahrer. „Ist das ein Tourist?“ fragt Tobi, „Ach ne, der hat zu wenig Gepäck, muss ein Einheimischer sein.“ Weit gefehlt, der Radfahrer kommt aus Japan und ist von Osh aus Richtung Kashgar unterwegs. Seine Besitztümer passen in das Lenkerkörbchen (ca. 20l-Rucksack mit einer Wasserflasche) und auf den Gepäckträger (ein weiterer winziger Rucksack und eine Wolldecke). Das nenne ich bescheiden! Wir werden uns später noch häufiger treffen und sehen dann, wie er, als es am Himmel bedrohlich grummelt, in Richtung einer Jurte abbiegt.


10.000 km, Propaganda für was-auch-immer, Schild

Mit einer kirgisischen Familie machen wir ebenfalls am Straßenrand Bekanntschaft. Sie haben sich vom zehnjährigen Sohn fahren lassen (?!), es ist ein irritierender Augenblick, wenn man in ein Auto schaut und bemerkt, dass der Fahrer kaum übers Steuer schauen kann. Wir unterhalten uns ganz nett, machen ein gemeinsames Foto wie gewünscht, und ein junger Mann bemerkt recht weise: „Ich glaube, ihr Westler macht solche Reisen, weil euer Leben so bequem ist und ihr etwas anders sucht.“ Ja, das kann wohl sein. Als ein Kind ein Snickers in meiner Tasche entdeckt, fragt der Vater unverblümt, ob es das haben könne. „Nein, das will ich selbst essen,“ sage ich, und so ist es auch. Bonbons haben wir immer für Kinder dabei (für Situationen, in denen wir mit der Familie zu tun haben), aber mich irritiert die Art, etwas aus meinem Besitz zu sehen und allein aus der Tatsache heraus, dass ich offensichtlich reich(er) bin zu schließen, man könne ja mal darum bitten.


Terroristen?, Pseudo-Red-Bull No.1, Zahnarzt

Am Polizeicheckposten habe ich mal wieder die klassische Diskussion, ein bisschen lustiger dieses Mal. „Warum keine Kinder?“ „Weil wir die Reise machen wollen.“ „Ihr seid ein Jahr verheiratet, da müsst Ihr Kinder machen.“ „Müssen? Ich mache, was ich will.“ „Ach, nicht, was dein Mann will?“ „Nein, aber der macht auch was er will.“ Wir fahren, und er denkt sich wohl, komische Leute, jeder macht was er will, wir machen, was zu tun ist, vielleicht ist das der Unterschied in beiden Denkweisen und ich möchte nicht behaupten, das eine oder das andere wäre der Königsweg, nur eben für mich ist es, wie es ist.

Unser Zeltplatz ist die erste Stelle mit Wasser seit vielen Kilometern, einen steilen Abstieg zum Fluss nehmen wir dafür in Kauf. Kaum unten, winkt oben jemand hektisch. Och ne, denke ich spontan, bitte nicht der Polizist. Weit gefehlt. „I AM JAPANESE CYCLIST MAY I JOIN YOU“ wird das Winken untertitelt. Na klar! Japanisch zurückhaltend bleibt er auf Abstand und will auch nicht unsere Nudeln mit uns teilen.


Eseltransporter, Mofatransporter, die Jacob Sisters wären neidisch

Die Grenze ist nicht mehr fern, näher und hinter weniger Steigungen versteckt, als wir vermuten, das macht uns froh. In Nura, dem Grenzort, ist gerade die Straße blockiert, Lkw, Busse und Autos stehen, Polizisten eilen umher und einige Frauen kabbeln sich mit ihnen. „Was ist los?“ fragen wir, „ach, nix“, sagt ein Mann, aber fotografieren sollen wir dieses nichts auch nicht. Als wir später weiter fahren, klärt uns eine Frau auf, es gebe keine Häuser, sondern nur Container, und der Winter käme bald, darum demonstriere man. Tatsächlich scheint Nura aus provisorischen Behausungen zu bestehen, während kleine Häuser noch im Bau sind.


Schafverkauf, Kamele

Wir fiebern der Grenze entgegen. Offensichtlich sind Ausländer hier noch die Ausnahme. Der erste Offizielle gibt dem zweiten per Funk weiter „Zwei deutsche Touristen kommen!“ Nach vielen Abfertigungsschritten geht es zum ersten chinesischen Teil. Unsere gesamten Taschen müssen wir vor einem Soldaten ausbreiten, der sie oberflächlich durchschaut. Nachher, am zweiten Grenzposten vier Kilometer später, werden sie dann noch einmal gescannt, und in diesen Zeiten darf auch wohl an keiner Grenze der Vogelgrippe-Fragebogen fehlen. „Fühlen Sie sich krank? Läuft Ihre Nase?“ Nachher erzählt Tobi, dass er sich eigentlich gerade die Nase putzen wollte, aber sich dann zwanghaft zurückgehalten und sich ebenso bemüht hat, vor den Offiziellen nicht zu schniefen.


Nochmal Kamel, Eselsfrühstück, Touristen

Dann sind wir drin! Das erste Essen an der Grenze schmeckt vorzüglich und Kashgar ist nun fast greifbar nahe, noch 250 Kilometer und fast 2000 Höhenmeter Gefälle warten auf uns, aber natürlich geht es nicht einfach stetig bergab sondern unser Ziel liegt „hinter den sieben Bergen“, es warten noch einige Hügel auf uns. Nach der Zeit im Pamir mit schlechten Straßen und dünner Höhenluft fühlen wir uns allerdings fit, und die Steigungen strengen uns nicht sehr an. Jetzt weiß ich, dass Höhentrainingslager funktionieren!


Touristen, Händler, Schafe

Zum Geburtstag bekomme ich von Tobi einen Rätselcache geschenkt, und schon an unserem dritten Tag in China erreichen wir Kashgar, schneller als gedacht. Hier ist nun erst einmal Erholung angesagt. In unserem Hotel leben einige andere Radfahrer, wir treffen auch Kyle wieder, der uns in Tadschikistan begegnet war, und wir haben nette Abende mit Bier und Reisegeschichten. Das Essen ist gut und reichlich (uigurisch, chinesisch, westlich, alles ist da), die Preisstruktur angenehm und die Anzahl von musst-du-mal-gewesen-sein Sehenswürdigkeiten klein - ein guter Rahmen. Auf den Straßen patrouillieren Lkw mit offener Ladefläche, auf denen junge Soldaten mit Maschinengewehren sitzen, das ist weniger angenehm, auch vor unserer Einfahrt nach Kashgar sind wir noch zweimal von offensichtlich improvisierten Checkposten kontrolliert worden, an denen hinter Sandsäcken schwer bewaffnetet Soldaten sitzen. Kashgar ist eine lebendige Stadt mit belebten Straßen und unendlich vielen leisen Elektro-Rollern, leise im unwahrscheinlichen Fall, dass sie gerade nicht hupen. Wir fühlen uns wohl und verlassen unser temporäres Basislager erst nach einer Woche.


Leckerer Laghman, Couchvespas, schönes Shirt

P.S. Wenn eine Stadt einen ihr jeweils eigenen Geruch, Laut und Anblick hat, dann kommt Kashgars Geräusch für uns tief aus dem Rachen eines beliebigen Mannes. Wann immer sich dort ein Unbehagen in Form von Schleim auftut, muss dieser in Richtung Mund transportiert werden. Ein lautes, feuchtes Räuspern lässt uns erstarren, oft hundert Meter vom Delinquenten entfernt. Ist das Unbehagen im Mund angelangt, wird es mutig-spritzig auf den Boden ausgestoßen. Der Ort des Geschehens kann jeder sein, ein Teppichgefliester Raum, ein Restaurant, die Straße. Der Übeltäter muss heraus, und wir alle dürfen daran teilhaben.
 
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