Kashgar bis Karimabad 15. - 23.08.2009
Kashgar verlassen wir als Teil einer Gruppe. Am Tag, an dem wir eigentlich fahren wollen (und unser Hotelzimmer gerade um einen Tag verlängern), treffen wir Albane und Benoit aus Frankreich. Sie sprechen uns vor unserem Hotel an und fragen nach Informationen zur Sicherheitslage in Pakistan. Nun sind wir in dieser Angelegenheit auch nicht so ganz up to date, denn in Kashgar gibt es ja kein Internet. Da aber zumindest die Strecke bis zum ersten größeren Ort sicher ist, soviel wissen wir, und wir von vielen Radfahrern gehört haben, dass sie keine Probleme hatten, sind wir nicht übermäßig besorgt.
Pseudo-Red Bull No.2-4
Nach und nach stellt sich heraus, dass wir zumindest für die nächsten mehreren Hundert Kilometer gemeinsame Pläne haben. Also verlängern wir noch einen Tag und starten zu viert.
Jeder Reisende, jedes reisende Paar oder jede Gruppe, alle haben ihren eigenen Rhythmus. Da einen gemeinsamen Nenner zu finden ist nicht selbstverständlich, und deshalb bin ich vorher auch schon ein bisschen aufgeregt, wie es wohl werden wird. Als wir in der Türkei gemeinsam mit den vier Franzosen unterwegs waren, waren die Bedingungen perfekt: Die Strecke einfach, niemand in Eile. Jetzt wartet ein 4000er Pass auf uns, aber das müssten wir ja eigentlich gewöhnt sein, oder?
Yaks
Trotz kleinerer Unterschiede haben wir einen ähnlichen Reisestil und eine ähnliche Geschwindigkeit. Albane und Benoit sind vor drei Monaten in Kasachstan gestartet, sind durch Kirgistan gefahren und waren auf dem Pamir Highway zeitweise nur eine Stunde hinter uns, getroffen haben wir uns aber nie.
Langsam führt unser Weg bergauf, und auch kein Polizeiposten hindert uns. Vor unserer Abreise haben wir gehört, dass einige Radfahrer bereits 15 Kilometer außerhalb von Kashgar zurückgewiesen wurden, wir halten noch nicht einmal an und fahren am Polizisten halb verdeckt durch einen Lieferwagen vorbei. Diese bürokratische Seite an China ist wirklich ein Gräuel, überall diese Checkposten, wo man seinen Pass herzeigen muss, und obwohl Radfahren an sich nicht illegal ist, kann man sich doch nie sicher sein. Übrigens: Wie für manche Europäer alle Chinesen gleich aussehen, so ist es wohl auch umgekehrt. Verzweifelt versucht ein Polizist mein Gesicht mit Tobis Pass in Einklang zu bringen. Tobi wiederum steht mit Sonnenbrille neben mir und hat damit wohl keine Ähnlichkeit mit dem netten jungen Mann auf dem Foto.
Wir zwei, Radfahrer-Abendessen, Kara Kul
Am Nachmittag unseres dritten Tages, kurz nach der Teepause (Thermoskanne: extrem gute Erfindung) taucht ein Radfahrer hinter uns auf: Manfred aus München. Schwuppdiwupp vergrößern wir unsere Gruppe und fahren noch die letzten Kilometer zum Kara Kul auf 3752 Metern. Wunderschön liegt er da, von grünen Wiesen umgeben, auf denen Yaks grasen. Die ersten Tage von Kashgar aus waren sehr grau: grauer Himmel, graue Steine, grauer Fluss. Nach dieser Farbentzugskur für unsere Augen wirkt das Grün wohltuend lebendig. Im Vergleich zum Kara Kul in Tadschikistan erscheint mir dieser See in seiner Umgebung freundlicher, und über allem ragt der 7546 Meter hohe Muztag Ata, was „Vater der Eisberge“ heißt. Manfred, neben Radfahrer auch Bergsteiger, ist ganz begeistert, und nachher wird es viele „Manfred und Muztag Ata“-Bilder geben.
Ein wunderbarer Morgen am Kara Kul, Pass
Am Abend ist es aber erst einmal windig und bewölkt, erst am nächsten Morgen wird ein Regen den aufgewirbelten Staub weggespült haben, und Neuschnee die Berge bis nahe an die Straße verschönern. Das ist ein wunderbarer Morgen, und der knapp 4100 Meter hohe Ulag Robat Pass wartet noch auf dem Weg nach Tashkurgan auf uns.
Tashkurgan ist noch 120 Kilometer von der Grenze zu Pakistan, dem Kunjerab-Pass, entfernt, und doch ist es bereits eine Grenzstadt. Unglücklicherweise sind die chinesischen Autoritäten der Meinung, dass es nicht gut ist, wenn sich Radler einfach so selbstbestimmt in ein anderes Land bewegen. Darum müssen wir unsere Räder und uns in den Bus verfrachten. Davon profitiert auch die pakistanische Busgesellschaft, die für die Strecke in das pakistanische Sost dreimal so viel wie für die längere Etappe nach Kashgar verlangt. Die Fahrräder kosten natürlich noch einmal einen kräftigen Zuschlag.
Belgischer Kreisel, Grenzübergang im Bus
Wer solche Regelungen in seinem Land einführt, empfiehlt sich Individualtouristen natürlich nicht gerade, das heißt: obwohl wir nur knapp zwei Wochen in diesem riesigen Staat verbracht haben, sind wir eigentlich ganz froh, ihn wieder zu verlassen. Kurz vor Tashkurgan hat Manfred eine schöne Diskussion mit einem Polizeibeamten. Polizist: „Pakistan? Bus, no bike!“ Manfred: „Yes, Kunjerab Pass bus. No bike!“ Polizist: „Yes!“ Manfred: „Kunjerab Sost bike.“ Polizist: “Pakistan, no China. China bus.“ Und so weiter und so fort, mit vielen Wiederholungen. Ich muss im Hintergrund grinsen, als der Polizist das sieht, ist er wenig erfreut und wirft mir einen bösen Blick zu und instruiert mich nochmals, dass auch ich kein Rad fahren könne. Jaja, ist ja schon gut.
Grenzstein, pakistanische Lkw
Wir trinken in Tashkurgan unser letztes Bier für einige Zeit: in der Islamischen Republik Pakistan hat unsere Leber mal wieder Urlaub. Leider sind zwei Bier auf 3000 Metern zu viel für meinen Kopf, also muss ich die blödsinnige Grenzprozedur auch noch halb verkatert über mich ergehen lassen.
Als allererste stehen wir vor der Tür. Dann kommen die Buspassagiere aus Kashgar, später weitere Menschen. Als der Zoll öffnet, werden sie alle vorgelassen. Alle! Ohne eine Erklärung weist uns der junge Offizielle immer wieder zurück, und zwar für unglaubliche zwei Stunden, die wir stehen und warten und nicht einmal unser Gepäck durch den Scanner schicken dürfen oder Schweinegrippe-Fragen beantworten. Ich glaube, diese Offiziellen müssen Kurse im „neutral gucken“ belegen, ich kenne zumindest keinen sonst auf der Welt, der dies so eindrucksvoll ausdruckslos beherrscht.
Schnee
So warten wir also, sinnlos verschwendete Zeit, dieses ganze Warten, das Reisen sonst mit sich bringt, umgeht man als Radfahrer ja eigentlich ganz geschickt. Irgendwann dürfen wir dann. Besonders Tobi und ich sind nervös. In Kashgar haben wir versucht, einige Dinge nach Hause zu schicken und waren damit auch recht erfolgreich. Nur unsere Diafilme wollte man nicht durchlassen bzw. ausrollen. Das selbe könnte uns bei der Ausreise auch passieren, befürchten wir. China ist nervös durch die Unruhen in Xingjang. Letztlich werfen wir alle unsere Taschen so schnell in den Scanner, dass offensichtlich niemand irgendetwas erkennt. Dann müssen wir uns nur noch ordentlich in die Passkontrolle-Schlange anstellen (ohne sich anzulehnen, und ein Offizieller begleitet die Männer auf die Toilette) und haben es hinter uns.
Volleyballzelt, Kinder in Khyber I
Netterweise stellt uns die Busfirma nach ihren Wucherpreisen einen eigenen Bus zur Verfügung, der uns zum Pass bringen wird. Der pakistanische Busfahrer glänzt durch Freundlichkeit und, kaum ist die Tür geschlossen, beschwert er sich über die chinesische Bürokratie und ständigen Kontrollen, das sei in Pakistan aber anders! Noch zweimal werden Grenzbeamte den Bus kontrollieren: Wir halten an, die Tür öffnet sich, zwei ausdruckslose Gesichter auf uniformierten Körpern kommen herein und blöken: „Passport!“ Das ist alles an Kommunikation, was sie über sich bringen. Liebes China: das ist schlechte Erziehung (wenn Tobi mich auch sehr richtig darauf hinweist, dass viele andere Länder ähnlich waren und ich nicht unfair sein dürfe).
Kinder in Khyber II, Hunzatal
Wir haben Glück: Zwar mussten wir diesen Bus bis zur Grenze nehmen und auch bezahlen, aber unser Busfahrer, der uns eigentlich noch bis ins gut 80 Kilometer entfernte Sost bringen soll, lässt uns am Pass heraus, und wir sind wieder die Herrscher über unseren eigenen Transport. Bergab geht es, aber auf wesentlich schlechterer Straße als in China (ja, die Straßen in China sind gut, immerhin!).
Der gewaltige Unterschied China-Pakistan offenbart sich direkt am ersten Abend, an dem wir auf dem Volleyballfeld einer Polizeistation übernachten können. Nachher kommt ein Polizist zu uns, bringt uns eine Melone und bietet uns Schnaps an. Offensichtlich bessern sich zahlreiche chinesische Lkw-Fahrer ihr Gehalt damit auf, dass sie Alkohol ins „trockene“ Pakistan bringen, und da fällt für die Polizei natürlich auch ein bisschen was ab. Ein Polizist, der sich zu uns setzt und uns etwas schenkt, wäre in China wohl unehrenhaft entlassen worden, wäre er denn jemals auf diese Idee gekommen. Hier haben wir noch nicht einmal ein Visum, da wir dieses erst in Sost erhalten können, und dass wir am Pass ausgestiegen sind, war wohl auch nur halblegal, wie wir später merken, und dennoch ist man freundlich, fast überschwänglich uns gegenüber.
Wanderung mit Adrenalingarantie
Dass die Menschen in Nordpakistan nicht allzu viel von den Chinesen halten, daraus machen sie uns gegenüber keinen Hehl. Auch hier sind hauptsächlich Chinesen mit dem Straßenbau beschäftigt, wie wir es bereits in Tadschikistan und Kirgistan wahrgenommen haben, statt Dankbarkeit wird ihnen dafür eher die Verantwortung für den schlechten Straßenzustand zugedacht. Den chinesischen Kontrollwahn verabscheuen nicht nur wir, er wird auch von vielen Pakistanis kritisiert.
Erleichterung nach Brücke I, Chefsessel, vor Brücke II
Unsere offizielle Einreise am nächsten Tag verläuft dann grandios. Der kräftige Handschlag eines Grenzbeamten wirft Tobi fast zu Boden, ich werde für mein pakistanisches Dress gelobt („Very beautiful, very charming!“), und binnen kurzer Zeit ist unser Visum ausgestellt. Neben der Freundlichkeit fallen die Englischkenntnisse auf. Ok, der Dialekt ist gewöhnungsbedürftig, aber fast jede/r scheint Englisch zu sprechen, und zwar mehr als „Hello!“ Das macht alles sehr einfach, auch wenn wir nicht so weit gehen wollen, den Kolonialismus der Briten zu loben.
Es ist also schön in Pakistan, trotz schlechter Straße, und vor allem gefällt es mir, als grüne Flecken das majestätische Grau der Berge durchbrechen, Grün habe ich im Pamir wirklich vermisst. Unsere nächste Nacht verbringen wir auf einem solchen grünen Fleck, im Dorf Khyber. Eigentlich wollten wir bis nach Passu an diesem Tag, doch der schlechte Straßenzustand macht unsere Pläne zunichte. Als wir gegen sechs Uhr abends am Straßenrand anhalten, bietet man uns sofort an, doch unser Zelt auf einer der Wiesen aufzustellen. Zwischenzeitlich werden wir von Kindern umringt, von denen einige eine Tendenz zum Fotomodell zeigen und sich ihre Tanzschritte offensichtlich in Bollywood abgeschaut haben. Wir stellen unser Zelt auf, wobei uns die Kleinen interessiert zuschauen, und verbringen einen schönen Abend unter einem, wie so oft in den letzten Monaten, gigantischen Sternenhimmel.
Die Menschen hier haben eine sehr angenehme Art, freundlich, ohne aufdringlich zu sein, interessiert. Wir sprechen mit einem jungen Studenten aus dem Dorf über das Leben hier und das in unseren Ländern.
Balanceakt
Die meisten Menschen im Hunzatal leben von Landwirtschaft, einige arbeiten in den großen Städten Islamabad, Lahore oder Karachi. Hier oben sind sie Ismailis wie bereits im Pamir. Das heißt auch, dass sie zum Ramadan, der am 22.08. beginnt, nicht fasten werden, anders als die Sunniten und Schiiten, die weiter im Süden leben. Die Frauen tragen meist ein Kopftuch, das aber nur sehr locker umgelegt wird, es gibt keine Moscheen und alle erscheinen uns sehr offen zu sein.
Die nächsten zwei Tage verbringen wir in Passu und stellen unser Zelt an einem Restaurant auf. Das „Glacier Breeze“ liegt, wie sein Name verrät, in der Nähe eines Gletschers und es bietet alles was wir brauchen (außer einer heißen Dusche vielleicht). Der Besitzer Ahmed Ali Khan serviert uns großartiges, günstiges Essen, Tobi ist vom Aprikosenkuchen ganz verzückt (wegen unsteter Stromversorgung gibt es den leider nur zweimal).
Riesenzucchini, Glacier Breeze
Auf unser Essen müssen wir immer so lange warten, dass ich eine für mich sehr logische Theorie aufstelle: in der Küche herrscht eine andere Zeitzone, die man von außen betrachtet als Zeitlupe bezeichnen würde. In der Küche selbst nehmen sie das natürlich gar nicht wahr und empfinden die Stunde, die sie am Morgen brauchen um Rühreier für fünf Leute zu machen, als völlig normal. Mit Verlassen der Küche tritt dann wieder unsere Zeitzone in Kraft. Es ist eine irgendwie spezielle Atmosphäre. Ahmed Ali Khan ist ein großartig netter Mensch, der sich für Klettern und Bergsteigen begeistert und sich gerne mit uns unterhält, gleichzeitig umgibt in eine Wolke von Traurigkeit. Er korrigiert mich, als ich ihn als Pakistani bezeichne: „Wir sind Hunza. Wir gehören zwar zu Pakistan, aber wir sind anders!“ Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen, weil er wieder so betrübt schaut.
Pakistanische großartige Lkw
Pakistan ist ein seltsames Staatengebilde. Es besteht seit 1947 und wurde als muslimischer Teil des ehemaligen Britisch Indien gegründet. Seitdem gab es viele Krisen, die Grenzen zu Indien und China sind bis heute nicht geklärt. Dazu kommen die inneren Konflikte zwischen den vielen unterschiedlichen Volksgruppen (die auch verschiedenen Sprachen sprechen) und Religionen. Auch jetzt ist Pakistan nicht überall sicher, und in diesem Jahr sind es, so sagt Ahmed Ali Khan, viel weniger Touristen als sonst.
Ausblicke, Albane ist versunken, Friendship?!
In Passu machen wir einen Tagesausflug über zwei Hängebrücken - ganz schön aufregend, insbesondere für mich. Die Einheimischen rennen fix über die für mich wenig vertrauenswürdigen Stahl- und Holzkonstruktionen, während ich ganz auf Atmen und meine Schritte konzentriert bin.
Karimabad wartet auf uns, hoch über dem Karakorum Highway und mit dem ersten Internetanschluss seit Tadschikistan. Das bedeutet eine Menge Arbeit für uns, denn viel ist liegengeblieben in den letzten Wochen. Wir möchten hier aber auch ein wenig wandern und das großartige Bergpanorama genießen, und die Radfahrer Kyle und Mikko aus Kashgar haben wir hier auch bereits wieder getroffen - so sind wir also sieben Radfahrer in unserer Unterkunft.