Gilgit bis Fairy Meadows und zurück 31.08. - 06.09.2009
Gilgit ist eine multikulturelle Stadt und das Zentrum der Northern Areas von Pakistan. Viel Handel wird hier getrieben, der Basar ist wuselig und eine Menge Menschen bewegt sich auf den Straßen. Genauer gesagt sind es Männer, die das Bild beherrschen. It‘s a man‘s world, Teil 379, zumindest der öffentliche Teil. Von den Frauen, die wir sehen, sind meist nur die Augen sichtbar, und die sind auf den Boden gerichtet, um ja nicht den Blicken fremder Männer zu begegnen.
Im Bus zur Raikot Brücke, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung, spüre ich die männliche Strukturierung des Alltags am deutlichsten. Ich kann mich in dem Minibus, Typ Ford Transit mit 20 Sitzplätzen versehen, nicht einfach irgendwo hinsetzen, sondern natürlich nur neben Tobi und ans Fenster. Als eine weitere Frau zusteigt, müssen komplizierte Umbelegungsmaßnahmen getroffen werden, die uns mit Handzeichen bedeutet werden, wir aber nur mühevoll verstehen. Einige Männer schauen mich grimmig an. Es gibt in Pakistan einige Gebiete, in denen westliche Ausländer nicht gerne gesehen sind, unser Bus bewegt sich in diese Richtung. Ich trage ein Kopftuch und bin „ordentlich“ angezogen (Pakistan ist kein Ort für kurze oder enge Bekleidung), aber mich so unsichtbar zu machen wie es lokale Frauen machen, das kann ich nicht und möchte ich nicht.
Straßenszene, Jeep-Ausblicke
An der Raikot Brücke nehmen wir einen Jeep zum Fairy Point, von dort aus sind es noch sieben Kilometer Fußweg nach Fairy Meadows. Die Jeeps sind teuer für pakistanische Verhältnisse, für eine Stunde Fahrt müssen wir umgerechnet 27 Euro bezahlen, hin und zurück sind es nur 9 Euro mehr, aber wir möchten gerne zurück laufen. Die Straße ist atemberaubend in den Hang gebaut, vom Jeep aus kann man direkt in den Abgrund schauen, 500 Meter tief. Das ist ein wenig gruselig, aber wir kommen heil an. Oben werden wir direkt in Empfang genommen, müssen uns bei der Polizei eintragen. Das freut die Touristenschlepper. Zunächst einmal werden wir gewarnt, herunter zu laufen, das sei gefährlich, neulich hätte ein Tourist einen Sonnenstich bekommen dabei. Gut, nun sei es bewölkt, aber das könne sich schnell ändern, und die 1000 Rupien mehr, das wäre doch nicht viel. Nicht viel für euch, heißt das: für 1000 Rupien bezahlen wir zwei Übernachtungen im Zimmer mit eigenem Bad oder essen zu zweit zweimal zu Abend, doch, auch für uns ist es Geld.
Auf unserer Wanderung werden wir von einem jungen Mann begleitet, der uns zu der Unterkunft führt, die wir nehmen sollen. Es gibt zahlreiche, und wir suchen gerne selbst aus. Letztlich ist der Platz okay, wir schlagen unser Zelt auf. Den Nanga Parbat suchen unsere Augen vergeblich, er ist von dicken Wolken verdeckt, nur die Zunge des riesigen Raikot-Gletschers ist gut zu sehen.
Am nächsten Morgen regnet es, und wir haben schon fast akzeptiert, völlig erfolglos zurückzukehren, als es um vier Uhr genug aufklart, um eine kleine Wanderung zu unternehmen. Und da ist er! Während der untere Teil des Berges verborgen bleibt, können wir, den Kopf in den Nacken gelegt, unglaublich weit oben einen Blick auf den Ostgipfel Silberzacken erhaschen. Schön!
Gletscher mit und ohne Daniela, der Silberzacken in Wolken
Dieser kurze Zeitraum entschädigt uns für das kalte, verregnete Wetter. Leider wird Tobi mal wieder Magenprobleme bekommen. Warum? Am nächsten Morgen, als ich allein in der kleinen Küche mit den Betreibern frühstücke, erhalte ich ungewollt eine Erklärung. Der ältere Herr rotzt unmittelbar neben den ca. fünfzehn Zentimeter hohen Ofen, der als Herd dient, bevor er ein Streichholz aus der Schachtel nimmt, um sich damit die Ohren zu säubern. Das zutage geförderte Produkt wird am Regal abgewischt, das Streichholz wandert zurück in die Packung. Lecker! Und: Hoch lebe mein Betonmagen. Wer weiß, was sie tun, wenn ich nicht dabei bin.
Wir versuchen einen Jeep zu organisieren, der uns und unsere Räder zum Babusar-Pass bringt. Diese Strecke haben wir als Ausweichroute zum Karakorum-Highway vorgesehen, um das unsichere Indus Kohistan zu umgehen. Einen Anstieg von 3000 Höhenmeter auf einer schlechten Piste von etwas mehr als 30 Kilometern, gespickt mit steinewerfenden Kindern trauen wir uns nicht zu. Ein Jeep sollte uns, so stellt sich heraus, 6500 Rupien von der Raikot Brücke kosten, recht viel, aber wir hoffen, die Kosten mit unseren französischen Radlerfreunden zu teilen. Vier Leute und Fahrräder und Gepäck, das sei kein Problem, versichert der Fahrer. Hm, sagen wir, mal sehen. Wir sollen jetzt zu- oder absagen! Nein, wir müssen erst mit unseren Freunden reden, sagen wir.
Nochmals der Gipfel, der Weg zurück
Tobi geht es nicht besonders gut, und der Jeepfahrer, der selbe wie gestern Abend, bietet uns an, uns für 1000 herunter zu fahren. Wir haben schon zugesagt, da sagt er nebenbei, ach, es seien ja noch drei andere Touristen im selben Jeep, auf die müssten wir jetzt warten. Im selben Jeep? Dann bezahlen sie und wir auch? Dann können wir ja teilen! Nein, sagt er, entweder bezahlen wir voll oder es geht nicht. Gut, sagen wir: dann gehen wir. Wir treffen den Fahrer im herunterlaufen wieder, und er grüßt weder noch schaut er uns an. Er wird uns nicht zum Pass bringen und Geld an uns verdienen, soviel ist für uns sicher.
Über den Hangrutsch, der rote Jeep, Albane, Benoit und wir zwei im Pakistani-Dress
Es wird ein langer Tag.
10:00
Der Weg herunter ist nicht schwierig, aber lang, 22 Kilometer und 2000 Höhenmeter Abstieg warten auf uns. Der heftige Regen hat die Straße teilweise weggeschwemmt. Alle fragen immer wieder, warum wir nicht Jeep fahren, gehen aber selbst zu Fuß. Auf diesem Ausflug fühlen wir uns zum ersten Mal wie reine Geldmaschinen, alles andere an uns ist uninteressant.
16:00
Wir sind unten, endlich!
16:15
Uns nimmt ein Pickup mit, wir nehmen auf der rütteligen Ladefläche Platz. Wir sind froh, voraussichtlich nicht allzu spät in Gilgit wieder anzukommen, es sind ja nur 80 Kilometer.
17:45
40 Kilometer später: Die Straße ist gesperrt, wir halten an. Der Polizist sagt, wir müssten uns entweder ein Zimmer im letzten Ort nehmen oder zu Fuß die Sperrung umlaufen. Weit oberhalb verläuft ein Pfad. Meine Füße sagen „Nein!“, aber Albane und Benoit haben unsere Sachen in ihrem Zimmer stehen, und wir haben ihnen versprochen, am Freitag Abend zurück zu sein. Also laufen wir. Viele Menschen kraxeln am Hang herum, sogar zwei Frauen. Wir begrüßen uns fast enthusiastisch, yeah, jemand schaut mir in die Augen und gibt mir sogar die Hand!
18:30
Ein Minibus liest uns auf der anderen Seite auf. 19 Männer und eine Daniela. Hohes Mundgeruchaufkommen, ich bin froh über den Frauen-Fensterplatz. Wir setzen uns in Bewegung. Da eine weitere Straßensperrung nicht weit von Gilgit bekannt ist, wechseln wir die Flussseite auf eine grausam holprige Piste. Unerklärlicherweise kann der junge Mann vor mir schlafen, obwohl sein Kopf regelmäßig gegen das Fenster knallt.
19:20
Das Fastenbrechen rückt näher. In dem kleinen Dorf, das wir queren, werden aus dem Minibus heraus eifrig Einkäufe getätigt, bis jeder eine knisternde Plastiktüte in der Hand hält. Wir queren den Fluss erneut, um wieder auf den Karakorum Highway zu gelangen.
20:00
Das Knistern weicht genussvollem Schmatzen.
20:05
Auf der anderen Seite stehen die Autos in die entgegengesetzte Richtung und warten auf die Aufhebung der Straßensperrung. Leider in zwei Reihen, für uns ist kein Durchkommen. Unser Mitfahrer beginnen, immer noch kauend, durch geschicktes Rangieren eine Gasse für unser Fahrzeug zu schaffen.
21:05
Wir haben es geschafft und die endlose Fahrzeugmasse hinter uns gelassen. Noch 20 Kilometer nach Gilgit.
21:45
Ankunft im Busbahnhof von Gilgit, völlig geschafft. Wir steigen in ein Taxi ein, zusammen mit vier weiteren Fahrgästen.
22:00
Ankunft vor unserem Hotel. Den Fahrpreis von 150 Rupien sollen wir aber ganz allein bezahlen, der Fahrer ist empört, als wir ihm nur 60 als unseren Anteil reichen. Einem Mann, der zufällig hinzukommt, erklären wir unser Problem, er ergreift unsere Partei, der Taxifahrer ist empört, aber fährt weg. Später erfahren wir, dass der normale Preis für ein ganzes Taxi 100 Rupien beträgt. Im Hotel begrüßt man uns freundlich.
Wir unterhalten uns mit den anderen Radlern. Leider finden wir niemanden, der sich mit uns die Kosten für einen Jeep zum Babusar-Pass teilt, alleine ist es uns zu teuer, und uns bei einem quälend langsamen Anstieg von Steinen bewerfen lassen wollen wir nicht. Also werden auch wir den Bus nehmen, auch wenn es schmerzt. Von den Bergen des Nordens werden wir also in die Hitze Islamabads katapultiert werden, auf einer 17 bis 30stündigen Busfahrt. Keine Wunschvorstellung, aber für uns momentan die wohl vernünftigste Entscheidung aus verschiedenen Gesichtspunkten.