Bus fahren gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Eine Weltreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln? Nein danke, mir wird leicht übel, lesen kann ich gleich gar nicht und nach kurzer Zeit tun mir alle Knochen weh.
Nun also Islamabad per Bus mit verschärften Regeln, im Ramadan. Das bedeutet, tagsüber möglichst nicht sichtbar zu essen und zu trinken, aus Respekt den Fastenden gegenüber. Zum Iftar, dem Fastenbrechen, machen wir nach gut vier Stunden Fahrt und 60 (!) Kilometern die erste längere Pause. Diese will gar nicht aufhören, offensichtlich ist etwas im Bus defekt. Um Mitternacht, nach sieben Stunden im bzw. neben dem Bus sind dann die beiden kleineren Ersatzfahrzeuge da. Alle stürmen in den Bus mit Dachgepäckträger, während wir erst einmal unsere Gepäckunmengen und Räder auf dem Dach verstauen. Drinnen ist dann natürlich kein Platz mehr frei, doch der Busfahrer wählt mit eiserner Faust zwei Fahrgäste aus, die wegen uns in das zweite (kleinere) Fahrzeug umsteigen müssen - die werden mal nicht mehr unsere Freunde.
Es ist eng. Unsere Freude am Fahren wird zusätzlich von der Liebe des Busfahrers zu ohrenbetäubender psychedelischer Musik getrübt, gesanglich dargeboten von Frauenstimmen im Mickey-Maus-Stil auf leiernden Kassetten. Grandios. Auch nach dem „Frühstück“ um vier Uhr morgens, bevor die Sonne aufgeht, werden wir trotz Protesten unserer Mitfahrer weiterhin beschallt. Als die Sonne dann da ist, denke ich mir: Mist, ich wäre doch lieber auf dem Rad! Schön sieht es hier aus, warum ist das Swat Valley nur so nahe? Hätten wir nicht doch Rad fahren können und damit die Verspannungen und schlechte Musik und die Angst wegen der waghalsigen Überholmanöver unseres Fahrers und all den Körper- und Mundgeruch umgehen können?
Bus nachts und tagsüber, Verkehrsgenossen
Rawalpindi, die chaotische ältere Schwester der neuen, blitzsauberen Hauptstadt Islamabad, erreichen wir nach 26 Stunden In diesem Verkehr voller Mopedrikschas, Autos, Lkw, Lieferwagen müssen wir uns erst einmal wieder zurechtfinden. Die Nacht verbringen wir in einem so gruseligen Hotel, dass wir unsere Isomatten auf dem kühlen Balkon ausrollen statt auf prähistorischen Matratzen und schmutzigen Laken Erholung zu suchen.
Die nächsten Tage sind wir dann lieber mit unseren französischen Radlerfreunden Albane und Benoit bei Nadir, dessen Kontakt sie über ein Übernachtungsnetzwerk erhalten haben. Nadir lebt gemeinsam mit einem Freund in einem riesigen Haus, drei Hausangestellte sorgen sich um ihr Wohl. Das Umfeld in einer ruhigen Villengegend ist ein extremer Gegensatz zu den lauten, stinkenden und lebendigen Basaren Rawalpindis.
Wir finden nach längerem Suchen eine Möglichkeit zur Gelbfieberimpfung (die wir für einige afrikanische Länder brauchen). Wir unterhalten uns viel mit Nadir, der ein toller Gastgeber ist, und schauen seit Ewigkeiten einmal wieder Filme auf DVD an, denn er hat eine wahrhaft beeindruckende Sammlung.
Pakistanische Österreicher, bei der Polizei, Pause mit Eskorte
Obwohl wir uns schon seit Monaten in kollektivistisch geprägten Gesellschaften bewegen und das individualistische(re) Westeuropa verlassen haben, erschließt sich mir die grundsätzliche Andersartigkeit emotional nur nach und nach. Während ich davon überzeugt bin, dass jeder Mensch prinzipiell alleine für sein Leben verantwortlich ist und somit auch dafür, sein oder ihr Glück zu finden, steht das persönliche Glück hier erst gar nicht im Vordergrund. Leben findet im Kollektiv der Familie statt, wo alle wichtigen Entscheidungen für das weitere Leben getroffen werden, ob es nun um Ehe, Bildung oder Beruf geht. Nadir, der über 40 ist, erzählt, dass es für ihn bereits problematisch ist, vier Wochen Urlaub zu machen, weil seine Eltern ihn ungern fahren lassen. So eine Reise, wie wir sie machen, erscheint da natürlich unglaublich. Nadir beneidet uns. „wir haben unser Leben verschwendet, Ihr macht das richtig.“ Seine Schwägerin findet gar, wir seien die besseren Muslime, da wir einfach alles aufgegeben hätten, um unsere Pläne zu verwirklichen, voller Gottvertrauen. Ist natürlich Quatsch, irgendwie, schließlich sind wir gar keine Muslime und es gibt mehr als eine Möglichkeit, sein Leben gut zu leben.
Ab Islamabad prägt der Ramadan unser Leben. Wir essen zwar tagsüber, sind aber bei Nadir auch zum Iftar (Fastenbrechen) eingeladen. Dazu gibt es verschiedene frittierte Speisen, Sandwiches und Kichererbsensalat. Zwei bis drei Stunden später findet dann das „richtige“ Abendessen statt, über eine unzureichende Ernährung können wir uns also nicht beschweren. Von Sonnenauf- bis untergang essen, trinken und rauchen Muslime nichts, letzteres fällt Nadir und seinem Freund Timur wohl am schwersten. Die Uhren ticken etwas anders zu dieser Zeit, morgens schlafen alle länger (da sie mitten in der Nacht essen), und viele Öffnungszeiten sind reduziert. Abends sind die Straßen dafür voller Menschen, die Essen, Trinken und Erledigungen für das Eid-Fest am Ende des Ramadans machen.
Unsere Beschützer und wir auf der Straße
Nach der langen Zeit ohne Fahrrad habe ich richtige Entzugserscheinungen und möchte nur noch weiter. Tobi sagt: ´“Dir fehlt das Abhänger-Gen!“ (Er hat das) Ich bin froh, als es Montags endlich losgeht. Ich bin ich nachhinein nicht glücklich über unsere Entscheidung, Bus zu fahren, jetzt will ich endlich wieder selbst der Motor für meine Bewegung sein.
Wir starten früh am Morgen, und so richtig kühl kommt es uns nicht vor. In der Nacht hängen wir unser Moskitonetz an einem Baum auf und schlafen luftiger als im Zelt. Am nächsten Tag, als wir gerade eine Pause machen, holen uns Albane und Benoit ein. Die zwei haben noch auf die Ausstellung ihres Indienvisums gewartet und dann Gas gegeben. Wir treffen einen pakistanischen Österreicher, der ein Restaurant in Salzburg betreibt. „Pakistanisches?„ fragt Tobi, „Nein“, antwortet er lachend, „italienisch!“ Er lädt uns zu seiner Familie ein, doch wir möchten noch weiter und suchen am Abend erst im lebhaften, hässlichen Wazirabad nach einer Unterkunft. Die erste ist viel zu teuer. Wir treffen zwei junge Männer, die uns zu einer anderen führen wollen. Nachdem wir schon eine Weile in einem Wohngebiet herumgekreuzt sind, frage ich. „Wo fahren wir hin!“ „Na, zu mir nach Hause!“ lautet die Antwort. Och Mann, wir wollten zu einem Hotel und hatten das auch deutlich gesagt. Wir lösen uns also und erreichen die völlig chaotische Innenstadt, in der uns jeder anzustarren scheint. Ein junger Mann führt uns zu einem Hotel, dass allerdings offenbar nicht mehr betrieben wird, wir könnten hier umsonst übernachten, aber die Zimmer sind nicht abzuschließen. Wir entscheiden uns dagegen und fahren zurück. Ein weiterer junger Mann sagt, er kenne noch ein anderes Hotel, für 1000 Rupien pro Person, recht teuer also. Er führt uns hin. Es ist das selbe Hotel wie eben, da haben sie wohl mal kurz die Preise erhöht.
Alles unter Kontrolle!
Eine Traube von Menschen ist um uns herum, verschiedene reden auf uns ein. Wir wollen zur Polizei um dort übernachten zu können. Nur will uns die Polizei nicht und gibt uns (natürlich nach geraumer Zeit) in die Hände eines jungen Mannes. Er soll uns erst zu einer Polizeistation führen, dann zu ihm nach Hause. Inzwischen ist es dunkel, wir fahren los. Wir sind heute nicht froh, bei jemandem daheim zu übernachten, wir sehnen uns nach Ruhe und können nach so vielen sich widersprechenden Aussagen niemandem mehr wirklich vertrauen. Ammar fährt mit dem Moped voraus, wir sind irritiert, als er vor einem Hochzeitssaal anhält. „Ja, ich dachte, Ihr könnt hier übernachten, geht aber nicht,“ sagt er, als er wieder herauskommt. Verschiedene junge Herren fahren auf Mopeds um uns herum, jeder einzelne will persönlich wissen, woher wir kommen. Es ist dunkel, die Stadt ist schmutzig, wir haben keine Ahnung, wo wir sind, und immer kommen wir an einem anderen Ort an, als wir eigentlich wollten. Wir bestehen darauf, zur Polizei gebracht zu werden. Als ich das nächste Mal frage, wohin wir fahren, sagt Ammar: „Na, zu mir nach Hause.“ Ich raste fast aus, erstaunt und schockiert fragt er, warum wir ihm nicht vertrauen. Gleichzeitig sagt er fortwährend, wir sollten doch bitte schneller durch die dunkle Stadt fahren, es sei gefährlich hier, „Go quickly, please!“ Irgendwann kommen wir dann tatsächlich bei der Polizei an und sind froh, als man uns einen Schlafplatz anbietet. Wir übernachten im Bereitschaftszimmer, die Gefängniszelle ist nur zwei Räume entfernt, aber fürs erste sind wir nur froh, der anscheinend heiklen Situation entronnen zu sein. Den Abend verbringen wir mit Ammar und seinen Freunden, und wider Erwarten sind sie wirklich sehr nett. Am nächsten Morgen frühstücken wir noch gemeinsam, bevor wir aufbrechen.
Bitte folgen Sie deisem Wagen, Motorradbalett, Reifentransport
Da die Polizei um unsere Sicherheit besorgt ist, reisen wir die letzten 100 Kilometer nach Lahore mit Eskorte. Ein Pick-up-Polizeiauto fährt ständig neben uns her, bestückt mit fünf Polizisten, davon zwei mit Maschinenpistolen. Wenn sich jemand uns nähert, wird er zur Ordnung gerufen, mit einem Stock andere Verkehrsteilnehmer von unserer Spur verscheucht. Wir haben also freie Bahn und machen nur wenige Pausen, in denen wir wie gewohnt Erfrischungsgetränke in großer Menge konsumieren, zum Einkaufen werden Tobi und Benoit einmal von zwei bewaffneten Polizisten begleitet. Es ist ein seltsames Gefühl, als seien wir Promis oder Politiker. An jeder Bezirksgrenze wartet schon ein neues Fahrzeug auf uns, in Lahore sind es dann zwei Motorräder, die uns durch den Großstadtverkehr bis zu unserem Hotel begleiten. Dort sind wir froh, uns den Straßenstaub und Schweiß von unseren Körpern waschen zu können.