Bilder und Geschichten

Am 13. Juni 2010
sind wir nach 577 Tagen,
21.297 Kilometern und
36 besuchten Ländern
nach Deutschland zurückgekehrt.

Regelmäßig erzählen wir von unserer großen Reise. Termine findet Ihr hier.
 
Nach 577 Tagen, 21.297 km und 36 besuchten Ländern sind wir seit 13.06. wieder zurück in der Heimat. Weitere Infos folgen bald!
 
Indien, beinahe PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Daniela   
Lahore
16. - 22.09.2009

Lahore ist groß, heiß und voller Menschen. Vielleicht gar nicht so schlecht, dass uns die Polizei hinein begleitet hat. Wir sind aber auch froh, als sie uns dann allein lassen (Sie waren sich wohl nicht so sicher, ob sie das dürfen).

Das Regal Internet Inn ist mal wieder eine richtige Backpacker-Unterkunft. Fast alle hier außer uns kommen von Indien (die Grenze ist nur 30 Kilometer weit entfernt) oder wollen dort hin, und fast alle sind sie auf langer Reise, teils für mehrere Jahre.



In der Moped-Rikscha

Unser Hostel ist definitiv auch die Unterkunft der interessanten Frauen. Eine ist eine deutsch-pakistanische 26-jährige, die gerne mal die Nacht zum Tag macht und einen sehr großen Mitteilungsdrang hat, dabei aber gleichzeitig nie verrät, was sie denn genau nach Lahore treibt. Zuhören ist nicht ihre Stärke Nachdem wir uns häufig unterhalten haben und mehr als einmal unsere Reiseart und -Richtung thematisiert wird, fragt sie zum Abschied: „Ah, ihr fahrt ja jetzt nach Indien!“ Tobi: „Nein, nach Karachi!“ Sie: „Ach, stimmt ja, wie kommt ihr zum Flughafen?“ Wie für viele Pakistanis, die wir treffen, macht „education“, also Bildung, andere Menschen offenbar erst zu ernstzunehmenden Gegenübern, zumindest scheint diese Einstellung die Basis ihres zeitweise respektlosen Verhaltens dem jungen Angestellten gegenüber zu sein. Auch in anderen Ländern sind wir schon oft gefragt worden, was wir arbeiten oder studiert haben, aber noch nie nach unserem Titel - und das in einem Land, in dem die Hälfte der Erwachsenen weder lesen und schreiben können. Die eine Hälfte hat nichts, und für eine Minderheit ist es Abgrenzung nach unten, Fetisch und Statussymbol?!




Qawwali-Musik

Die zweite alleinreisende Frau ist Fotografin - und wird sich nach einem Projekt in Lahore auf den Weg nach Afghanistan machen, auch wenn alle Welt sie für verrückt erklärt.

Die dritte interessante Frau im Hostel begegnet uns auf einer besonderen Musikveranstaltung. Qawwali ist eine Musikform des Sufismus, geprägt von polyphonem Gesang, Händeklatschen, Trommeln und Harmonium, die einzelnen Stücke sind bis zu einer halben Stunde lang und verbreiten eine meditative bis trance-artige Stimmung. Die Musiker sitzen auf einer Bühne, während davor auf Teppichen auf dem turnhallenartigen Boden das Publikum Platz genommen hat. Dieses besteht aus Männern, bis auf ein paar Touristinnen - Malik, der Besitzer unseres Hostels organisiert dies für seine Gäste. Während die Musiker alles geben, stehen ab und zu einzelne Männer auf und tanzen versonnen. Die Musiker werden von Zeit zu Zeit mit Geld beworfen (ihre Gage), und auch einige Herren aus dem Publikum bewegen sich auf die Tanzfläche und lassen als Zeichen ihrer Freundschaft gegenseitig Scheine auf sich regnen. Heute aber passiert aber noch etwas viel außergewöhnliches - zum ersten Mal in der jahrhundertelangen Tradition tanzt eine Frau dort, wo lokale Frauen gar nicht zugelassen sind. Selbst ich bin völlig verwirrt, als das Mädchen neben mir aufsteht und sich anmutig in die Mitte bewegt, die Männer hinter und neben uns wirken mehrheitlich geschockt. Lange dauert es auch nicht, bis sie höflich, aber bestimmt auf ihren Platz begleitet wird. Malik erzählt uns später, dass einer der „wichtigen“ Männer dem Tanz zugestimmt hat, seine Freunde waren jedoch anderer Ansicht, offensichtlich. Die Tänzerin ist jedenfalls glücklich und antwortet auf meine Frage, wo sie das Tanzen gelernt habe, mit „von Gott“. Sie kommt aus Ungarn und ist wohl schon seit längerem in spiritueller Mission in Indien und Pakistan unterwegs.





Pakistan-Teddys und schneidige Soldaten bei der Grenzschließungszeremonie

Wir treffen also einige interessanten Menschen (es sind auch ein paar Männer dabei) und leiden unter der Hitze - zwischenzeitlich sind es 42 Grad. Obwohl wir nicht nach Indien fahren, sehen wir uns die Grenzschließungszeremonie in Wagha an. Es ist ein äußerst bizarres Spektakel, das sich uns bietet. Zuerst turnen zwei übergewichtige mittelalte Herren mit Pakistan-Shirts und -Fahnen vor den Zuschauertribünen her. Direkt vor ihnen und links von uns befindet sich das geschlossene Tor, dahinter ist Indien. Aus den Lautsprechern dröhnt ohrenbetäubende Musik, und in jedem Lied kommt entweder „Allah“ oder „Pakistan“ vor (meistens beides) - es muss dafür einen eigenen Ableger in der Musikindustrie geben. Dann: Aufmarsch der Soldaten. Sie tragen riesige Hüte mit Puscheln drauf, und sie bewegen sich so zackig, dass sie ihre Beine bis zum Kopf schwingen. Wahnsinn. Wir können nur erahnen, dass es auf der indischen Seite ähnlich aussieht, bis das Tor öffnet. Auch hier, Soldaten in schnieker Uniform. Und Tausende Menschen, während wir vielleicht 200 sind. „Wie auf einem Auswärtsspiel!“ sagt Tobi. Die Soldaten treten von beiden Ländern aus an die Linie und stoßen markige Schreie aus. Abwechseln rufen auch die Inder (laut) und die Pakistanis (etwas leiser). Parallel werden schließlich beide Fahnen heruntergelassen, das Tor geschlossen und die Protagonisten marschieren ab.


Albane im Frauenabteil, Musik auf der Dachterasse des Hostels

Tobi und ich machen einen letzten Versuch, uns hitzegeeignete pakistanische Shalwar kameez zuzulegen, und die leichten Baumwollmodelle scheinen tatsächlich kühler zu sein. Wir essen kiloweise Eis, trinken literweise Milkshakes, und wir erleben das Ende des Ramadan, das Fest „Eid“. Es hat eine ähnlich wichtige Bedeutung wie Weihnachten - und bis zur Nacht zuvor weiß niemand genau, wann es stattfindet. Das hängt nämlich davon ab, wann sich der zunehmende Mond zum ersten Mal zeigt. Zu „Eid“ ziehen alle ihren neuen Kleider an (wir auch!), machen Ausflüge und besuchen Verwandte. Am Morgen besuchen wir die große Badshahi Moschee (für bis zu 100.000 Menschen) und erleben die Ästhetik von sich synchron im Gebet verneigenden Körpern. Außerdem werden ab und zu Kinder zum fotografieren neben uns gestellt. Wir besichtigen das Fort und einen Sikh-Tempel.





Die Badashi Moschee an Eid

Eid dauert noch zwei Tage, doch für uns wird es Zeit, Lahore zu verlassen und uns auf den weiten Weg (1200 Kilometer) nach Karachi zu machen. Wir treffen noch die beiden Radfahrer Philipp und Sergej, die wir schon aus Kashgar kennen und verabschieden uns vor allem von Albane und Benoit, mit denen wir nun über einen Monat lang fast ständig unterwegs waren. Es ist früh, als wir aufbrechen, und die Stadt wacht gerade erst auf.
 
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