Lahore bis Sukkur 23.09. - 03.10.2009
Warum nur fährt kein Radfahrer von Lahore nach Karachi? Nach zehn Tagen „on the road" fallen uns so einige Gründe ein.
Die Landschaft
Es ist flach. Es ist dicht besiedelt. Fast die gesamte Umgebung wird
intensiv landwirtschaftlich genutzt. Wir machen sehr wenige Fotos.
Die Hitze (jahreszeitabhängig)
Mit Erschrecken mussten wir in Lahore feststellen, dass es tatsächlich
noch heißere Orte auf dem Weg in den Süden gibt - in Multan, 320
Kilometer von Lahore entfernt, sind es 45 Grad. Afrika wird uns kühl
erscheinen (denken wir)! Die Temperaturen bestimmen unseren
Tagesablauf. Leider wird es erst um kurz vor sieben hell, dass heißt,
dass wir im Dunkeln aufstehen müssen, wenn wir früh los wollen - die
Dämmerung ist kurz. Also: früh raus, möglichst viel bis zum Mittag
fahren und den Rest mehr oder weniger qualvoll hinter sich bringen. Um
sieben wird es schon wieder dunkel, also möchten wir spätestens bis um
diese Uhrzeit angekommen sein. Außerhalb des Radfahrens minimiert die
Hitze unseren Aktivitätslevel, an unseren Ruhetagen tun wir wirklich
wenig mehr, als uns auszuruhen.
>Die Sicherheitssituation
Ein äußerst nebulöses Themengebiet. Wir haben uns vorher informiert und
von der Pakistanischen Tourismusorganisation PTDC die Information
erhalten, dass die Hauptstraßen sicher sind, dass außerhalb aber
Probleme auftreten könnten. Wir fragen nach, welche Probleme das genau
sind, diese Frage wird uns nicht beantwortet. So ist das die ganze Zeit
unterwegs, immer heißt es nur „unsafe place!" oder „security problem!",
aber keiner kann uns sagen, was genau gemeint ist. Mal fällt das
Schlagwort „Terrorismus", und wenn wir nachfragen, heißt es, nein, es
gibt ja keine Terroristen hier, aber die Sicherheit! Wir haben den
Eindruck, dass einfach eine große Angst vorherrscht, es könne uns
irgend etwas passieren und Pakistan damit internationale Probleme
bekommen, und das will man unbedingt vermeiden, darum Punkt 3.
Die Polizeieskorte in Sindh
Wir reisen durch zwei Provinzen Pakistans, Punjab und Sindh. Letztere
gilt nur teilweise als sicher. Auch hierzu hören wir unterschiedliches.
Teilweise scheinen die Menschen in Punjab, die uns vor Sindh warnen,
davon auszugehen, dass Analphabetismus/Ungebildetheit direkt zu
Kriminalität führt. Einige Kilometer fahren wir in Sindh, da sieht uns
ein Polizist. Und wir verlieren unsere Freiheit.
Wir bewegen uns (bisher bis Sukkur, wir gehen davon aus, dass es bis
Karachi so bleibt) nur noch in Begleitung von Polizei. Das ist nicht
besonders schön. Sämtliche Kontakte mit den Menschen am Wegesrand sind
damit zu Ende. Häufig wollen uns die Polizisten vorschreiben, wo und
wie lange wir Pause machen (natürlich aus Sicherheitsgründen, ist ja
klar). Für uns erscheint das lächerlich, immer haben wir unseren Dhal
(das klassische pakistanische Linsengericht) in einfachen
Open-Air-Restaurants gegessen, warum jetzt nicht mehr? Leider können
wir mit den Polizisten häufig nur auf sehr schlichter Ebene
kommunizieren, da sie kein Englisch sprechen. Im kleinen Ort Ghotki
haben wir Probleme, mit unserer Entourage ein Zimmer zu finden, da wohl
das Hotel für Unterkunft und Verpflegung der Polizisten aufkommen muss.
Entsprechend haben wir das Gefühl, dass unser Zimmerpreis diese Kosten
beinhaltet. Vier (!) Polizisten mit Maschinengewehren (!) passen nachts
auf uns auf. Noch nicht mal einkaufen können wir alleine. In Sukkur das
gleiche Spiel, kein Schritt außerhalb des Hotels ohne Polizei. Noch
dazu entscheiden einige Uniformierte für uns, bestellen, kommunizieren
mit den Ladenbesitzern et cetera. Uns stört dieses ständige Begleitung
sehr, wir möchten unabhängig reisen und unsere eigenen Erfahrungen
machen. Dass uns niemand genau sagen kann oder möchte, wo die Gefahr
liegt, macht es für uns schwierig zu akzeptieren. Mehrmals machen wir
deutlich, dass wir alleine unterwegs sein wollen, immer heißt es nur,
es sei ihre Pflicht, uns zu begleiten, und wir hätten keine Wahl.
Natürlich machen wir auch positive Erfahrungen,
die uns die doch recht vielen negativen Aspekte vergessen lassen. Wir
haben in dieser dicht besiedelten Gegend extrem viele Begegnungen mit
Menschen. Die häufigste Form ist die, dass wir einfach neugierig
angeschaut werden. Wenn wir in einem Laden eine Cola oder ein Mountain
Dew (ähnlich Sprite) kaufen, bildet sich um uns wie um einen Fernseher
eine Gruppe von 20 bis 50 Männern, auch wenn vorher niemand da war. Sie
schauen dann, was wir so tun, wie wir aussehen. Je nach Stimmung finden
wir das lustig oder grässlich.
Zuschauer
Fahrradfahrer treffen wir viele. Sie spielen
mit uns das wohlbekannte Spiel: nachdem wir sie (die gemütlich auf
alten Fahrrädern vor sich her pedalen) überholt haben, steigern sie das
Tempo, um wiederum uns zu überholen. Ihre Geschwindigkeit halten sie
natürlich nicht lange, sodass wir sie wieder überholen (müssen),
woraufhin sie wiederum usw. usf.. Wenn viel Verkehr ist, ist das gar
nicht mal so lustig. Unsere neueste Taktik ist, in solchen Situationen
den Spieß umzudrehen: wenn wir überholt werden und den anderen
einholen, überholen wir nicht, sondern hängen uns in seinen
Windschatten. Üblicherweise macht das den Radfahrer sehr nervös,
ständig fliegt sein gehetzter Blick über seine Schulter, und er legt an
Geschwindigkeit zu. Wenn das Tempo weiter abfällt, hilft es manchmal,
dass ich als erste leicht schräg hinter unserem Spielkameraden fahre:
eine Frau, die zum überholen ansetzt, das kann und darf nicht sein.
Einmal gelingt es mir, einen nach einigen Kilometern schon recht
erschöpften Herren in einem kurzen Anstieg zu überholen und abzuhängen.
Die Erniedrigung war für ihn wahrscheinlich unermesslich, unser Spaß
groß.
Neben den vielen Begegnungen, die ohne Worte bleiben, haben wir auch
einige nette und interessante Gespräche. Die Kurzform ist meist
unergiebig, schnell werden Nationalität, Name, Familienstand,
Reproduktionsstatus und Dauer des Aufenthaltes in Pakistan abgefragt.
Ich bleibe von diesen Fragen meist unbehelligt, Tobi muss für uns beide
Antworten. „Your wife name?" lautet die Frage. „Ask her!" antwortet er
einmal, und sein gegenüber sagt: „Ashker?" weil er denkt, dies sei eben
mein Name. Offensichtlich wirken wir auch recht asiatisch, denn statt
Germany verstehen die Männer oft „Japanese".
Kamelinvasion
Wir reden länger mit einem Tierarzt, der für Nestlé arbeitet und die
Bauern versucht, von der Haltung von Kühen zu überzeugen (traditionell
werden Büffel gehalten, die aber viel weniger Milch geben). Nestlé ist
in Pakistan sowieso ganz groß vertreten, mit einem viel verkauften
Mineralwasser, Säften und Milch. Er möchte gerne heiraten, aber seine
Eltern sind der Ansicht, er solle doch lieber noch fünf Jahre damit
warten - und da sie seine Ehefrau aussuchen werden, wird er das wohl
auch tun. Sein Bruder studiert in Norwegen und er ist ganz aufgeregt,
weil ihn auf dessen Facebook-Seite ein Foto mit einer jungen Frau
zusammen zeigt, dass sei doch garantiert seine Freundin!
Ein weiterer junger Mann textet uns während des Radfahrens von seinem
Moped aus zu, was uns nach einer Weile ziemlich nervt - die
Kommunikation verläuft eher im Interviewstil. Als wir ein Hotel suchen
und Tobi unentschlossen vom Anschauen wieder heraus kommt, gehe ich
hinauf. Daraufhin ist er völlig verwirrt und fragt Tobi, warum ich mir
denn den Raum noch ansähe, ob denn ich etwa entscheide? Nein, sagt
Tobi, wir entschieden gemeinsam. Ob ich denn etwa bezahle? Nein, wir
bezahlten gemeinsam. Er ist höchst erstaunt
Frauen, überhaupt. Wir sehen sie schon, auch sie sind in der
Öffentlichkeit. Während Männer allerdings in der Öffentlichkeit
arbeiten, essen, schlafen, Hand in Hand mit Freunden spazieren gehen,
sind Frauen zumeist auf Verkehrsmitteln anzutreffen, haben immer
(anscheinend) ein Ziel. Häufig sitzen sie hinten auf dem Moped (im
Damensitz) mit einem Baby im Arm, manchmal auch auf dem Rad. Nie sehen
wir eine Frau selbst ein Fahrzeug bewegen. Viele Frauen zeigen nur ihre
Augen, wir sehen auch einige Burkas. Einmal habe ich die Möglichkeit,
ein pakistanisches Haus zu betreten und damit viele Frauen zu treffen.
An unserem ersten Abend unterwegs übernachten wir in einer Gärtnerei,
deren Adresse uns der Hostelbesitzer aus Lahore gegeben hat.
Verschiedene junge Männer aus dem Dorf tauchen auf, die uns mitnehmen
und sich mit uns unterhalten. Als nichtverwandter Mann darf Tobi kein
Haus betreten, aber ich schon. Viele Frauen und Mädchen aller
Generationen sind da, leider ist unsere Kommunikation leicht
eingeschränkt, da keine von ihnen gut Englisch spricht. Trotzdem ist es
schön, so viele Gesichter von lächelnden, hübschen Frauen zu sehen und
von ihnen umringt zu werden.
Straßenszenen
Pakistan erscheint mit wesentlich traditioneller als der Iran, und das
System ist für mich schwierig zu verstehen und auch zu akzeptieren.
Wenn uns ein Polizist erst sagt, er habe keine Brüder (wir bedauern ihn
angemessen lange) und dann nach fünf Minuten hinzufügt, ach ja, drei
Schwestern habe er, zwei Söhne, und, ach ja, drei Töchter, was soll man
da noch sagen? Die Übereinstimmung mit meinem Wertesystem fehlt dann
völlig. Ich selbst bin in diesem System eigentlich ein Unding, eine
Unmöglichkeit. Zweimal sagen Männer, Tobi müsse ja sehr stark sein, er
sei ja der Mann und fahre sicherlich immer vorne etc.. Es fällt mir
schwer, bei einer solchen Aussage nicht beleidigt und empört zu sein.
Es ist für mich einfach eine riesige Respektlosigkeit, wegen meines
Geschlechts meine Leistung nicht anzuerkennen.
Generell habe ich das Gefühl, dass mich der Süden Pakistans an meine
Grenzen bringt. Der bergige Norden und die Regionen hier, das sind für
mich zwei unterschiedliche Welten, was Menschen wie Landschaft angeht.
Das Fahren ist trotz gänzlich fehlender Steigungen wegen der Hitze
anstrengend, es gibt sehr viele Menschen, die uns angucken wollen. In
allen etwas größeren Ansiedlungen ist es sehr schmutzig. Ich glaube, es
gibt gar keine Müllentsorgung, ab und zu wird einfach der ganze Kram
verbrannt. Entsprechend unangenehm ist die Geruchsentwicklung. Wir
kommen an ekelhaften Tümpeln vorbei, die riechen, als würden dort die
Fäkalien ganzer Großstädte entsorgt, und an Kadavern von Büffeln am
Straßenrand, an denen sich streunende Hunde und Krähen gütlich tun.
Ja, es ist wirklich anstrengend, hier zu reisen, doch jetzt, in Sukkur,
fehlen uns nur noch sechs Fahrtage bis nach Karachi, ans Meer, und bis
dahin möchten wir mit eigener Kraft kommen. Prinzipienreiterei?
Sportlicher Ehrgeiz? Mentale Herausforderung? Selbst schuld? Von allem
wohl etwas.