Bilder und Geschichten

Am 13. Juni 2010
sind wir nach 577 Tagen,
21.297 Kilometern und
36 besuchten Ländern
nach Deutschland zurückgekehrt.

Regelmäßig erzählen wir von unserer großen Reise. Termine findet Ihr hier.
 
Nach 577 Tagen, 21.297 km und 36 besuchten Ländern sind wir seit 13.06. wieder zurück in der Heimat. Weitere Infos folgen bald!
 

Kilometerzähler

Gesamtbilanz

  21.297  Kilometer
133.164  Höhenmeter

Letzte Position
N 50°29.507'  E 007°53.618' 
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Durch die Hölle (sagt Tobi) PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Daniela   
Lahore bis Sukkur
23.09. - 03.10.2009

Warum nur fährt kein Radfahrer von Lahore nach Karachi? Nach zehn Tagen „on the road" fallen uns so einige Gründe ein.

  1. Die Landschaft
    Es ist flach. Es ist dicht besiedelt. Fast die gesamte Umgebung wird intensiv landwirtschaftlich genutzt. Wir machen sehr wenige Fotos.
  2. Die Hitze (jahreszeitabhängig)
    Mit Erschrecken mussten wir in Lahore feststellen, dass es tatsächlich noch heißere Orte auf dem Weg in den Süden gibt - in Multan, 320 Kilometer von Lahore entfernt, sind es 45 Grad. Afrika wird uns kühl erscheinen (denken wir)! Die Temperaturen bestimmen unseren Tagesablauf. Leider wird es erst um kurz vor sieben hell, dass heißt, dass wir im Dunkeln aufstehen müssen, wenn wir früh los wollen - die Dämmerung ist kurz. Also: früh raus, möglichst viel bis zum Mittag fahren und den Rest mehr oder weniger qualvoll hinter sich bringen. Um sieben wird es schon wieder dunkel, also möchten wir spätestens bis um diese Uhrzeit angekommen sein. Außerhalb des Radfahrens minimiert die Hitze unseren Aktivitätslevel, an unseren Ruhetagen tun wir wirklich wenig mehr, als uns auszuruhen.
  3. >Die Sicherheitssituation
    Ein äußerst nebulöses Themengebiet. Wir haben uns vorher informiert und von der Pakistanischen Tourismusorganisation PTDC die Information erhalten, dass die Hauptstraßen sicher sind, dass außerhalb aber Probleme auftreten könnten. Wir fragen nach, welche Probleme das genau sind, diese Frage wird uns nicht beantwortet. So ist das die ganze Zeit unterwegs, immer heißt es nur „unsafe place!" oder „security problem!", aber keiner kann uns sagen, was genau gemeint ist. Mal fällt das Schlagwort „Terrorismus", und wenn wir nachfragen, heißt es, nein, es gibt ja keine Terroristen hier, aber die Sicherheit! Wir haben den Eindruck, dass einfach eine große Angst vorherrscht, es könne uns irgend etwas passieren und Pakistan damit internationale Probleme bekommen, und das will man unbedingt vermeiden, darum Punkt 3.
  4. Die Polizeieskorte in Sindh
    Wir reisen durch zwei Provinzen Pakistans, Punjab und Sindh. Letztere gilt nur teilweise als sicher. Auch hierzu hören wir unterschiedliches. Teilweise scheinen die Menschen in Punjab, die uns vor Sindh warnen, davon auszugehen, dass Analphabetismus/Ungebildetheit direkt zu Kriminalität führt. Einige Kilometer fahren wir in Sindh, da sieht uns ein Polizist. Und wir verlieren unsere Freiheit.
    Wir bewegen uns (bisher bis Sukkur, wir gehen davon aus, dass es bis Karachi so bleibt) nur noch in Begleitung von Polizei. Das ist nicht besonders schön. Sämtliche Kontakte mit den Menschen am Wegesrand sind damit zu Ende. Häufig wollen uns die Polizisten vorschreiben, wo und wie lange wir Pause machen (natürlich aus Sicherheitsgründen, ist ja klar). Für uns erscheint das lächerlich, immer haben wir unseren Dhal (das klassische pakistanische Linsengericht) in einfachen Open-Air-Restaurants gegessen, warum jetzt nicht mehr? Leider können wir mit den Polizisten häufig nur auf sehr schlichter Ebene kommunizieren, da sie kein Englisch sprechen. Im kleinen Ort Ghotki haben wir Probleme, mit unserer Entourage ein Zimmer zu finden, da wohl das Hotel für Unterkunft und Verpflegung der Polizisten aufkommen muss. Entsprechend haben wir das Gefühl, dass unser Zimmerpreis diese Kosten beinhaltet. Vier (!) Polizisten mit Maschinengewehren (!) passen nachts auf uns auf. Noch nicht mal einkaufen können wir alleine. In Sukkur das gleiche Spiel, kein Schritt außerhalb des Hotels ohne Polizei. Noch dazu entscheiden einige Uniformierte für uns, bestellen, kommunizieren mit den Ladenbesitzern et cetera. Uns stört dieses ständige Begleitung sehr, wir möchten unabhängig reisen und unsere eigenen Erfahrungen machen. Dass uns niemand genau sagen kann oder möchte, wo die Gefahr liegt, macht es für uns schwierig zu akzeptieren. Mehrmals machen wir deutlich, dass wir alleine unterwegs sein wollen, immer heißt es nur, es sei ihre Pflicht, uns zu begleiten, und wir hätten keine Wahl.
Natürlich machen wir auch positive Erfahrungen, die uns die doch recht vielen negativen Aspekte vergessen lassen. Wir haben in dieser dicht besiedelten Gegend extrem viele Begegnungen mit Menschen. Die häufigste Form ist die, dass wir einfach neugierig angeschaut werden. Wenn wir in einem Laden eine Cola oder ein Mountain Dew (ähnlich Sprite) kaufen, bildet sich um uns wie um einen Fernseher eine Gruppe von 20 bis 50 Männern, auch wenn vorher niemand da war. Sie schauen dann, was wir so tun, wie wir aussehen. Je nach Stimmung finden wir das lustig oder grässlich.


Zuschauer

Fahrradfahrer treffen wir viele. Sie spielen mit uns das wohlbekannte Spiel: nachdem wir sie (die gemütlich auf alten Fahrrädern vor sich her pedalen) überholt haben, steigern sie das Tempo, um wiederum uns zu überholen. Ihre Geschwindigkeit halten sie natürlich nicht lange, sodass wir sie wieder überholen (müssen), woraufhin sie wiederum usw. usf.. Wenn viel Verkehr ist, ist das gar nicht mal so lustig. Unsere neueste Taktik ist, in solchen Situationen den Spieß umzudrehen: wenn wir überholt werden und den anderen einholen, überholen wir nicht, sondern hängen uns in seinen Windschatten. Üblicherweise macht das den Radfahrer sehr nervös, ständig fliegt sein gehetzter Blick über seine Schulter, und er legt an Geschwindigkeit zu. Wenn das Tempo weiter abfällt, hilft es manchmal, dass ich als erste leicht schräg hinter unserem Spielkameraden fahre: eine Frau, die zum überholen ansetzt, das kann und darf nicht sein. Einmal gelingt es mir, einen nach einigen Kilometern schon recht erschöpften Herren in einem kurzen Anstieg zu überholen und abzuhängen. Die Erniedrigung war für ihn wahrscheinlich unermesslich, unser Spaß groß.

Neben den vielen Begegnungen, die ohne Worte bleiben, haben wir auch einige nette und interessante Gespräche. Die Kurzform ist meist unergiebig, schnell werden Nationalität, Name, Familienstand, Reproduktionsstatus und Dauer des Aufenthaltes in Pakistan abgefragt. Ich bleibe von diesen Fragen meist unbehelligt, Tobi muss für uns beide Antworten. „Your wife name?" lautet die Frage. „Ask her!" antwortet er einmal, und sein gegenüber sagt: „Ashker?" weil er denkt, dies sei eben mein Name. Offensichtlich wirken wir auch recht asiatisch, denn statt Germany verstehen die Männer oft „Japanese".


Kamelinvasion

Wir reden länger mit einem Tierarzt, der für Nestlé arbeitet und die Bauern versucht, von der Haltung von Kühen zu überzeugen (traditionell werden Büffel gehalten, die aber viel weniger Milch geben). Nestlé ist in Pakistan sowieso ganz groß vertreten, mit einem viel verkauften Mineralwasser, Säften und Milch. Er möchte gerne heiraten, aber seine Eltern sind der Ansicht, er solle doch lieber noch fünf Jahre damit warten - und da sie seine Ehefrau aussuchen werden, wird er das wohl auch tun. Sein Bruder studiert in Norwegen und er ist ganz aufgeregt, weil ihn auf dessen Facebook-Seite ein Foto mit einer jungen Frau zusammen zeigt, dass sei doch garantiert seine Freundin!

Ein weiterer junger Mann textet uns während des Radfahrens von seinem Moped aus zu, was uns nach einer Weile ziemlich nervt - die Kommunikation verläuft eher im Interviewstil. Als wir ein Hotel suchen und Tobi unentschlossen vom Anschauen wieder heraus kommt, gehe ich hinauf. Daraufhin ist er völlig verwirrt und fragt Tobi, warum ich mir denn den Raum noch ansähe, ob denn ich etwa entscheide? Nein, sagt Tobi, wir entschieden gemeinsam. Ob ich denn etwa bezahle? Nein, wir bezahlten gemeinsam. Er ist höchst erstaunt

Frauen, überhaupt. Wir sehen sie schon, auch sie sind in der Öffentlichkeit. Während Männer allerdings in der Öffentlichkeit arbeiten, essen, schlafen, Hand in Hand mit Freunden spazieren gehen, sind Frauen zumeist auf Verkehrsmitteln anzutreffen, haben immer (anscheinend) ein Ziel. Häufig sitzen sie hinten auf dem Moped (im Damensitz) mit einem Baby im Arm, manchmal auch auf dem Rad. Nie sehen wir eine Frau selbst ein Fahrzeug bewegen. Viele Frauen zeigen nur ihre Augen, wir sehen auch einige Burkas. Einmal habe ich die Möglichkeit, ein pakistanisches Haus zu betreten und damit viele Frauen zu treffen. An unserem ersten Abend unterwegs übernachten wir in einer Gärtnerei, deren Adresse uns der Hostelbesitzer aus Lahore gegeben hat. Verschiedene junge Männer aus dem Dorf tauchen auf, die uns mitnehmen und sich mit uns unterhalten. Als nichtverwandter Mann darf Tobi kein Haus betreten, aber ich schon. Viele Frauen und Mädchen aller Generationen sind da, leider ist unsere Kommunikation leicht eingeschränkt, da keine von ihnen gut Englisch spricht. Trotzdem ist es schön, so viele Gesichter von lächelnden, hübschen Frauen zu sehen und von ihnen umringt zu werden.


Straßenszenen

Pakistan erscheint mit wesentlich traditioneller als der Iran, und das System ist für mich schwierig zu verstehen und auch zu akzeptieren. Wenn uns ein Polizist erst sagt, er habe keine Brüder (wir bedauern ihn angemessen lange) und dann nach fünf Minuten hinzufügt, ach ja, drei Schwestern habe er, zwei Söhne, und, ach ja, drei Töchter, was soll man da noch sagen? Die Übereinstimmung mit meinem Wertesystem fehlt dann völlig. Ich selbst bin in diesem System eigentlich ein Unding, eine Unmöglichkeit. Zweimal sagen Männer, Tobi müsse ja sehr stark sein, er sei ja der Mann und fahre sicherlich immer vorne etc.. Es fällt mir schwer, bei einer solchen Aussage nicht beleidigt und empört zu sein. Es ist für mich einfach eine riesige Respektlosigkeit, wegen meines Geschlechts meine Leistung nicht anzuerkennen.

Generell habe ich das Gefühl, dass mich der Süden Pakistans an meine Grenzen bringt. Der bergige Norden und die Regionen hier, das sind für mich zwei unterschiedliche Welten, was Menschen wie Landschaft angeht. Das Fahren ist trotz gänzlich fehlender Steigungen wegen der Hitze anstrengend, es gibt sehr viele Menschen, die uns angucken wollen. In allen etwas größeren Ansiedlungen ist es sehr schmutzig. Ich glaube, es gibt gar keine Müllentsorgung, ab und zu wird einfach der ganze Kram verbrannt. Entsprechend unangenehm ist die Geruchsentwicklung. Wir kommen an ekelhaften Tümpeln vorbei, die riechen, als würden dort die Fäkalien ganzer Großstädte entsorgt, und an Kadavern von Büffeln am Straßenrand, an denen sich streunende Hunde und Krähen gütlich tun.

Ja, es ist wirklich anstrengend, hier zu reisen, doch jetzt, in Sukkur, fehlen uns nur noch sechs Fahrtage bis nach Karachi, ans Meer, und bis dahin möchten wir mit eigener Kraft kommen. Prinzipienreiterei? Sportlicher Ehrgeiz? Mentale Herausforderung? Selbst schuld? Von allem wohl etwas.
 
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