Bilder und Geschichten

Am 13. Juni 2010
sind wir nach 577 Tagen,
21.297 Kilometern und
36 besuchten Ländern
nach Deutschland zurückgekehrt.

Regelmäßig erzählen wir von unserer großen Reise. Termine findet Ihr hier.
 
Nach 577 Tagen, 21.297 km und 36 besuchten Ländern sind wir seit 13.06. wieder zurück in der Heimat. Weitere Infos folgen bald!
 

Kilometerzähler

Gesamtbilanz

  21.297  Kilometer
133.164  Höhenmeter

Letzte Position
N 50°29.507'  E 007°53.618' 
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Gegensätze… Pakistan…. und so PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Daniela   
Sukkur bis Karachi
04. - 18.10.2009

(Zur Einleitung eine kleine Parabel zum Verhältnis Daniela - Pakistan)

Stell Dir vor, Du lernst jemanden neu kennen. Er sieht wahnsinnig gut aus, ist eloquent und Eure Gespräche sprühen vor Witz und Intellektualität.
Ihr verbringt mehr Zeit zusammen, und Du bist auf dem besten Weg, Dich zu verlieben. Unterschiede zwischen Euch tun sich auf, doch sie stören Dich nicht, vielmehr erschließt sich Dir durch die Bekanntschaft mit diesem Menschen eine völlig andere Welt. Filme, die Dir vorher uninteressant erschienen, kann er Dir erklären. Stricken fandest Du immer langweilig, doch er kann Dir die Faszination nahebringen. Vieles, was sich Dir bisher nur rational erschlossen hat, berührt Dich nun emotional. Er ist anders als Du, aber auf eine Weise, die nicht befremdet, sondern bereichert. Jeden Tag aufs Neue bist du fasziniert.
Voller Enthusiasmus zieht Ihr zusammen. Und auf einmal ist es, als täten sich Abgründe auf. Ist das noch der selbe Mann, fragst Du Dich, in den ich mich verliebt habe? Was habe ich in ihm gesehen, denkst du morgens, wenn er neben Dir im Bett schnarcht oder mittags, wenn er beim Essen schmatzt und abends, wenn er ungeniert rülpst. Dir fällt ein intensiver Körpergeruch auf, der am Anfang nicht gestört hat. Das Wohnzimmer ist ein einziges Chaos, und das Frühstücksgeschirr musst immer du wegräumen. Auch was die Freizeitplanung angeht, habt Ihr unterschiedliche Vorstellungen. Während Du gerne alleine oder zu zweit etwas unternimmst, möchte er am liebsten immer in einer großen Gruppe unterwegs sein. Während du Privatheit schätzt, scheint ihm Alleinsein Angst zu machen. Du magst Deine Freiheit, doch er will immer bei Dir sein. Lautstarke Streits sind keine Ausnahme mehr. Ihr habt unterschiedliche Wertvorstellungen, und inzwischen ist das nicht mehr großartig bereichernd, sondern zumeist schlicht anstrengend.
Deine Freundinnen fragen Dich, warum Du nicht ausziehst. Unwillkürlich siehst Du Dich dann in der Position, ihn zu verteidigen. Er sei ganz anders als Du, aber auf seine Art ein guter Mensch. Nach einer Weile stehen alle Zeichen auf Trennung, dabei wohnt Ihr erst so kurz zusammen. Gleichzeitig gibt es immer wieder diese Momente, in denen er dich total begeistert. Er ist entwaffnend herzlich und strahlt Dich an, wenn Du von der Arbeit nach Hause kommst. Er teilt seine Interessen mit Dir, und manchmal gelingt es ihm immer noch, Dich zu begeistern. Du versuchst, Dich völlig auf seine Lebensweise einzustellen, aber es mag Dir nicht gelingen, nicht völlig. Ebenso wie er seine ganz eigene Lebenseinstellung hat, hast Du Deine, von Kindheit an gelernte.
Ihr geht schließlich auseinander, doch er macht es Dir nicht leicht und wartet noch einmal mit seinen Schokoladenseiten auf. Es wird Zeit, für Dich zu gehen, ein Fazit fällt Dir schwer. Viel Freude hast Du erlebt, viel Neues gelernt, einiges hat Dich angeekelt und manches wütend gemacht. Er hat Dein Herz berührt, so viel ist klar. Ob Ihr Euch wiederseht? Vielleicht.



Lieblingspolizist, fernsehende Polizisten, schweißgebadeter Tobi

Pakistan ist das Land, in dem wir uns bisher am längsten aufgehalten haben, zwei Monate waren es nun. Oft haben wir unsere Entscheidung verflucht, bis nach Karachi mit dem Rad zu fahren, das noch einmal über 1300 Kilometer südlich von Lahore liegt. Die Hitze hat uns schwer zu schaffen gemacht, und dann erst die Polizeieskorte!

In Sukkur haben wir beschlossen, unseren Widerstand (weitestgehend) aufzugeben und die Situation so zu akzeptieren, wie sie ist. Einige Male ist das sehr einfach: ein älterer Polizist verliebt sich förmlich in Tobi und lässt keine Chance ungenutzt, ihn in den Arm zu nehmen, wir verbringen mit ihm und seinen zwei Kollegen den ganzen Tag (viel Zeit zum knuddeln, also). Dass wir keine gemeinsame Sprache haben, stört dabei kaum. Am Abend kommen wir bei einer Polizeistation an, in der wir einfach gerne unsere Matratzen ausrollen würden. Man empfängt uns freundlich und fängt sofort an, ein Hotelzimmer zu organisieren. Natürlich ohne uns zu informieren, doch nach zwei Stunden werden wir mit dem Polizeiauto dorthin gebracht und die Polizei übernimmt die Kosten für das Abendessen und das Zimmer. Das ist uns ja schon fast unangenehm.

An anderen Tagen ist die Eskorte unangenehmer. Erst einmal sitzen die Polizisten abends lange fernsehend in unserem Hotelzimmer, obwohl es mir an diesem Tag nicht gut geht (und ich nach der Hälfte der Strecke aus Erkältungsgründen in den „Besenwagen“ gestiegen bin), erst nach dem dezenten Hinweis, wir würden gerne duschen, verziehen sie sich. Vorher fragen sie, die uns am Tag begleitet haben, noch nach Geld für ihr Abendessen. Die Nachtwache ist eher noch schlimmer. Als wir essen gehen, bestellen sie ungefragt auch, natürlich auf unsere Rechnung, und das Restaurant ist nicht eben billig. Der Hotelangestellte sagt uns, die Polizisten würden im Zimmer gegenüber schlafen, wer das denn bezahlen würde? Wir nicht, antworten wir recht erstaunt, und mit beleidigten Mienen ziehen unsere Beschützer in die „Lobby“. Am nächsten Morgen bekommen wir dann auch noch die Rechnung für ihr Frühstück gereicht, die wir nicht übernehmen, und auch sonst niemand. Solche Komplikationen sind es wohl, die Hotels davon abhalten, Ausländer aufzunehmen. An einigen Orten, wo wir bleiben wollten, hieß es, alle Zimmer seien ausgebucht, obwohl weit und breit niemand zu sehen ist.

Grundsätzlich ist es so, dass die Polizeieskorte nichts kostet - und wir wären auch nicht bereit, für diesen ungebetenen Service zu bezahlen. Mehr oder weniger erwarten aber fast alle Polizisten, dass wir sie tagsüber mitversorgen, wenn wir etwas zu uns nehmen. Wenn wir etwas zu trinken kaufen oder in einfachen Restaurants essen, ist das für uns auch völlig in Ordnung - für alles, was darüber hinaus geht, möchten wir nicht aufkommen.

Was uns recht häufig passiert und enorm stört, ist, dass wir angelogen werden, wenn es für unseren Gegenüber einfacher ist. So lange wir zum Zeitpunkt der Aufdeckung der Lüge nicht mehr vor Ort sind, scheint es unserem Gegenüber reichlich gleichgültig zu sein, was mit uns passiert. Letztlich müssen wir etwa an einem Tag, an dem wir total fertig sind, noch zwölf statt fünf Kilometer (wie von einem Polizisten versprochen) fahren. Ich komme mit, sagt der Polizist (denn wir sind skeptisch nach einem Blick auf die Karte), es ist wirklich so nah, ich bin Muslim und lüge nicht, fährt mit dem Auto 200 Meter vor uns her, und schwupps, weg ist er. Zuvor hat er uns deutlich gezeigt, wie wenig er uns respektiert, uns ausgelacht, als wir sagen, wir sind kaputt und können nicht mehr. Solche Menschen machen mich auf eine hilflose Art aggressiv.

Als wir am nächsten Tag Hyderabad erreichen, sind wir all die Polizeiquerelen leid und freuen uns beide darauf, Pakistan bald zu verlassen. Wir sind bei einer Couchsurfer-Familie, bestehend aus Aly, (ursprünglich Franzose, aber seit Jahrzehnten in Pakistan), Shahana (seiner Frau) und Noé (ihrem Sohn). Sie sind großartige Gastgeber und machen uns den Abschied dann noch einmal richtig schwer.




Ansichten einer besonderen Schule

Vor neun Jahren haben sie eine private, spendenfinanzierte und damit für die Schüler kostenfreie Schule gegründet. In Pakistan sind zwar grundsätzlich öffentliche Schulen gebührenfrei, aber Bücher und Schuluniformen kosten, was viele Eltern davon abhält, ihre Kinder dorthin zu schicken. Die Qualität des Unterrichts ist wohl außerdem schlecht, teilweise tauchen die Lehrer nicht einmal auf. In diesem Jahr haben Aly und Shahana nach langen Provisorien das Schulgebäude errichtet. 150 Kinder von drei bis etwa 15 Jahren kommen jeden Tag hierher, sie leben in einfachen Häusern oder Slums und würden sonst ihre Zeit auf der Straße verbringen. Nun lernen sie Sindhi, Urdu, Englisch und Rechnen. Direkt am Tag nach unserer Ankunft besuchen wir die Schule und erzählen von Deutschland und unserer Reise. Ehrlich gesagt glaube ich, dass das für die Kinder einfach zu weit weg ist. Sie selbst haben kaum ihren Heimatort verlassen, und nun erzählen wir von einem anderen Land, gar einem anderen Kontinent? Unglaublich.


Höhlenforscher Noé und Aly, Gespräche mit dem Esel, Aly

Neben der Schule machen wir auch eine Erfahrung der etwas anderen Art. Shahana ist Mitglied im Rotaryclub und nimmt uns mit dorthin. Und weiter? Eigentlich nichts, nur soviel:
Noch vor kurzem hätte ich nicht
Im Traum daran gedacht
Dieser Veranstaltung hier beizuwohnen
Man hatte mich hierher gebracht
Und der erste Widerwille
War auch bald dem Gefühl gewichen
Da sich der Abend lohnen könnte
Es gab Wissenswertes zu berichten.

Man aß und trank und unterhielt sich
Die Wertschätzung war gegenseitig
Und es herrschte ein Vertrauen
Es war mir fast ein bisschen unheimlich
Auch habe ich die meisten Menschen
Selten so wie diesen Abend gesehen
Ich werde alles drauf verwenden müssen
Die Vorgänge genau zu verstehen.

(Tocotronic - Ein Abend im Rotary Club)



Betende Frauen im Schrein, Malang, Blüten


Menschen in Sehwan

Aly und Shahana nehmen uns mit nach Sehwan, einer Art muslimischer Pilgerstätte. Hier ist der Schrein des Sufis Lal Shabaz Qalander, dem „Roten Falken“, der von vielen Menschen als Heiliger verehrt wird. Der Wahrer des Schreins, eine Position, die vererbt wird, ist der Vorsitzende einer Art von Bruderschaft. Die Malangs, so heißen ihre Mitglieder, geben ihr altes Leben auf, um sich ganz in seinen Dienst zu stellen. Häufig, so erzählt uns Aly, fliehen sie vor großen Problemen in ihrem Leben in diese neue Existenz. Zu Ehren des Heiligen tanzen sie am Abend zu Trommelmusik und scheinen sich dabei teilweise selbst zu vergessen. Sie tragen rote, weitschwingende Gewänder und drehen sich atemberaubend schnell. Um sie herum steht dicht gedrängt die Masse von Menschen, auch von Ihnen bewegen sich viele verzückt zum Klang der Trommeln. Es sind Männer aller Altersstufen und -schichten, und auch einige Frauen sind dabei. Sie erinnern (headbangend) an Heavy-Metal-Fans, rhythmisch zuckend an Techno-Jünger auf einer Open-Air-Party. In ihrer Ekstase sehen sie sich Gott nahe, jede Rationalität scheint ausgeblendet.





Ekstase

Während der Tanz und die emotionale Hinwendung der Malangs zu Gott uns berührt, befremdet uns ihre Verehrung für den Wahrer des Schreins. In allen Lebensbereichen stehen sie ihm 24 Stunden am Tag zur Verfügung und erhalten dafür 600 Rupien (umgerechnet ca. 5 Euro) im Monat, Kost und Logis sind für sie frei. Er allein bestimmt, wie lange die Malangs bei ihm bleiben, ohne seine Erlaubnis kann keiner von ihnen sein Leben in Sehwan aufgeben. Wir hören von einem jungen Mann, der gerne in sein Heimatdorf zurückkehren würde, doch er darf nicht. Täte er es ohne Erlaubnis, sagt sein „Chef“, so würde er ihn suchen, finden und wieder zurückbringen. Hinterfragt wird diese Autorität (soweit wir es beurteilen können) nicht.


Auf dem Land: nähende Frauen, Brot backen, fröhliches Arbeiten

Verehrung erleben wir auch, als wir einen Ausflug mit einem Nachbarn der Familie unternehmen. Seine Tätigkeit lässt sich wohl am ehesten mit der Berufsbezeichnung „Feudalherr“ beschreiben. Die Familie besitzt große landwirtschaftliche Nutzflächen, auf denen insgesamt über 100 Menschen für sie arbeiten. Sie selbst lebt komfortabel in Hyderabad. Waqar zeigt uns sein Land und seine Arbeiter. Wir sehen Baumwoll- und Bananenplantagen, beides für uns reichlich exotisch, und er erklärt uns vieles. Die Menschen, die wir treffen, küssen ihm teilweise die Hand. Sein Bruder ist der Abgeordnete des entsprechenden Wahlkreises. Politik ist Familiensache in Pakistan, jemand ohne den entsprechenden Hintergrund könnte wohl niemals hohe Ämter bekleiden.


Bananen ohne und mit Daniela, wir mit Landbesitzern

Dieses Konzept ist uns sehr fremd und hat unserer Meinung nach nur entfernt etwas mit Demokratie zu tun: Eine Mitglied der Familie, die das Land besitzt, wird von den Menschen gewählt, die von ihnen abhängig sind. Lesen und schreiben können die meisten Wähler nicht: der Name zählt. Die Kinder der besitzenden Familien werden für den größten Teil ihrer Ausbildung das Land verlassen, um dann nachher stolz von ihren „Degrees“ von Harvard erzählen zu können. Bei einem solch großartigen Lebenslauf, hineingeboren in eine klimatisierte Welt mit Hausangestellten und Kindermädchen, kommen Selbstzweifel wohl nur selten auf.

Ein Land, in dem Wahlen statt finden, muss nicht zwangsläufig eine Demokratie sein. Nein, sie sind nicht alle schlechte Menschen, die Feudalherren. Sicher spenden sie regelmäßig, wie es die Religion verlangt, vielleicht bauen sie ein Krankenhaus oder eine Schule für „ihre“ Leute. Sie wären allerdings dumm, würden sie den grundsätzlichen Aufbau der Gesellschaft anzweifeln. Die fehlende Bildung, der Analphabetismus, sie nutzen ihnen. Es sind komplett unterschiedliche Welten, in denen Arm und Reich hier leben, und sie werden nur von den wenigsten Menschen auf beiden Seiten angezweifelt.


Abschied von Hyderabad am frühen Morgen, See, Moschee in Tatta auf dem Weg nach Karachi

Wahrscheinlich ist die „Mittelschicht“ der Ort, an dem am ehesten Kritik am System aufkommt. Die Mittelschicht, das sind Ärzte, erfolgreiche Geschäftsleute, Ingenieure. Sie trennt sehr viel von der Unterschicht, darum taugen Vergleiche mit Deutschland wenig, Hausangestellte und bewachte Wohnsiedlungen sind normal.

Nach zwei weiteren anstrengenden Tagen auf dem Rad kommen wir schließlich fünf Tage vor unserem Flug nach Tansania bei einer solchen Familie in Karachi an. Wieder übernachten wir bei einem Couchsurfer, Sohail. Er arbeitet als Dozent an einer privaten Kunstschule, die von 19- bis 22-jährigen aus gutem (= wohlhabenden) Elternhaus besucht wird. Er lebt gemeinsam mit Bruder und Mutter, und alle drei sind sie freundliche, interessante und interessierte Gastgeber. Am Tag nach unserer Ankunft berichten wir in der Schule über unsere Reise - in einer Umgebung, wo man wohl gerne ab und zu übers Wochenende nach Dubai fliegt. Was wir machen ist für die jungen Leute dennoch extrem fremd: Fahrrad fahren? Im Zelt schlafen? Für sie undenkbar. Sie sind fasziniert, während ich zuvor dachte, sie würden eher gelangweilt sein.


Dritter Schulvortrag auf unserer Reise, das arabische Meer, Fahrradverpackung

Karachi, vor allen Dingen der Teil, in dem wir leben, ist extrem anders als das restliche Pakistan, das wir kennen gelernt haben, eine moderne Metropole von 14 - 17 Millionen Einwohnen und das wirtschaftliche Zentrum des Landes. Wir schauen uns um, mehr aber erholen wir uns und unterhalten uns viel mit Sohail und seiner Familie. Die Tage verfliegen mal wieder viel zu schnell. Kaum zu glauben, dass unsere Zeit in Asien zu Ende geht.

 
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Updated: 03/01/2011

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