Psychokrieg am letzten Tunnel.
24.07.2006 - 35,07 km
Am nächsten Morgen, nach dem reichhaltigen Frühstück - zwei Mahlzeiten und Übernachtung für zusammen 420 Som, also nicht einmal 10 Euro - geht’s los. Und ich bin ganz schön aufgeregt - über 1000 Höhenmeter an einem Tag und "in einem Rutsch" sind wir in diesem Urlaub noch nicht gefahren, und die warten nun auf uns. Vor einer solchen Auffahrt kann ich immer nicht richtig glauben, dass ich tatsächlich oben ankomme ohne zu sterben. In solchen Situationen bin ich dann die Pessimistin und Tobi der Optimist. Mir ist ganz schlecht. Tobi dichtet "Wir sind nur Gast auf Erden“ auf unsere Situation um und machte sich auch sonst über mich lustig. Fieser Kerl.
Hier geht es dann so richtig los.
Aber es hilft ja alles nix, und so radeln wir los, zunächst 17 km bis zur "Hauptstraße“ Bishkek-Osh - und legen bis dahin auch schon ein paar Höhenmeter zurück. Nach einer Cola am Straßenrand (die klassischen Jurten und Bauwagen mit Getränken und Essen) folgt dann der "richtige“ Aufstieg: in Serpentinen den Berg hoch, wie nicht anders zu erwarten sehr gut zu überblicken, nur den Tunnel kann man noch nicht sehen.
Die Kuh schaut zu und macht muh.
Die Straße ist super, und tödlich steil ist sie auch nicht.
Aber dieses sich Kilometer für Kilometer hoch kämpfen - immer wieder
anstrengend. Dabei möglichst nicht an das Ganze denken, sondern Schritt
für Schritt, wenn’s sein muss in die psychologische Trickkiste greifen
und sich selbst bis zum nächsten Schild... zum nächsten Stein... dann
doch noch ein paar 100 Meter nach vorne bringen, bis die nächste Pause
ansteht. Heiß ist es auch mal wieder.
Menschen treffen wir am Straßenrand, und letztlich - unglaublich, aber wahr - kommen wir oben an: der Tunnel! Wir machen erst einmal Pause, trinken uns von zwei Geologen angebotenen Tee, das klassische koffeinhaltige Erfrischungsgetränk und beobachten die Autofahrer, die Kühlwasser herbeischaffen oder Reifen wechseln oder uns die Woher-Wohin-Fragen stellen. Sehr relaxed, denn: wir sind oben! Ich habe Salzablagerungen überall, wo nicht, fällt gerade die Haut ab: egal.
Der Tunnel geht zum Glück ein wenig bergab und so haben wir ihn schnell hinter uns - er hat eine ohrenbetäubende Belüftung, ist nur mäßig beleuchtet und trotz Fahrradlampen fühlen wir uns als Radfahrer nicht wirklich sicher. Auf der anderen Seite mal wieder ein Foto und eine aufgeschriebene Adresse - sehr fußballinteressierte Männer, die alles über "Padolski“ und "Klose“ wissen und auch Deutschland die Daumen gedrückt haben (das sagen sie zumindest uns).
Schön, runterfahren!
Wir fahren ein Stück bergab und suchen einen Zeltplatz - noch ein Mal zelten, bevor es wieder nach Bishkek geht und das Ende unserer Reise naht. Hier ist es wunderschön, der Bach rauscht, von der Straße aus sieht man uns nicht, wenige Steckmücken besuchen uns (Tobi ist "allergisch" und rastet aus sonst) und die Chiliketchup-Nudeln sind schon in unserem Bauch. Sogar Tee gibt es noch, denn den wertvollen Spiritus können wir ja jetzt ruhig aufbrauchen.